Alle zwei Jahre findet in einer anderen Stadt Deutschlands die "Tanzplattform" statt. Es ist ein Podium so genannter freier Produktionen, also nichts aus Stadt- und Staatstheatern. Stets wird beteuert, dass es kein Wettbewerb sein soll - aber vor allem jene, die nicht eingeladen sind, nehmen die Plattform als Bestenschau wahr (und eigentlich alle anderen auch).
Eine Jury trifft jeweils die Auswahl und muss den Mut haben, sich angreifbar zu machen. Den hatten die 2010er-Juroren - zwei aus der Gastgeber-Stadt Nürnberg, dazu die Tanzjournalistin Melanie Suchy und der Choreograf Jochen Roller - in hohem Maß: Fach- und Laienpublikum grummelte in schöner Eintracht.
Ersteres fühlt sich sowieso immer in der Lage, bessere Produktionen zu nennen. Letzteres fand sich zu seiner Verwirrung in Aufführungen, in denen kein Fitzelchen Tanz zu sehen war. Ob es den Vorlieben der Jury geschuldet war oder tatsächliche Tendenzen "deutscher" Tanzproduktionen abbildet ("Arbeits- oder Lebensschwerpunkt" beteiligter Choreografen muss in Deutschland liegen, lautet die Teilnahme-Regel): Unter den elf Erwählten dominierten zu einem Teil Produktionen, die mit bemerkenswerter Konsequenz - man könnte es auch Verbissenheit nennen - eine einzige Idee verfolgten; zum anderen Teil solche, die sich fasziniert zeigten von der Bildersprache des Militarismus und der Gewalt.
Der Performer von heute trägt offenbar gern Sturmhaube oder wenigstens das T-Shirt überm Gesicht. Dazu Pistole, Peitsche, Blutlache, zur Waffe geformte Finger.
VA Wölfls zischende Bunsenbrenner
VA Wölfl, der mit seiner Gruppe "Neuer Tanz" kein Tanzplattform-Neuling ist, ließ schon immer gern marschieren und raunen. In einen hohen, kargen Saal des Nürnberger Neuen Museums stellte er nun seine sich der bildenden Kunst nähernden Tänzer-Formationen: "Ich sah: Das Lamm auf dem Berg Zion, Offb. 14,1" bringt eine Schar pistolenbewaffneter Darstellerinnen und Darsteller, Weihrauch, ein Nest aus schimmerndem Kupferdraht, zischende Bunsenbrenner, betörende Musik von John Dowland, später nachtschwarze Tutus und Ballettexercices für alle, Männer wie Frauen.
Ein Tänzer fuchtelt und sagt bemühte Sätze wie "Dance is a business. Business is an Art." Aber hier und da trifft eine Wölfelsche Szene ins Herz. Ben J. Riepe hat einst für Wölfl getanzt, sein "Liebe / Tod / Teufel - Das Stück" übertrifft diesen an Martialität und Drastik, gern mittels Nazi-Assoziationen. Riepe spielt mit der Provokation, das Duo "Ludica" spielt um des Spielens willen (Ludica sind Morgan Nardi und Naoko Tanaka, Nardi war ebenfalls in Wölfls Ensemble).
"The Corner" ist das ärgerlichste Stück dieser Tanzplattform, ohne einen Hauch von Dramaturgie oder Konzept und tanzlos obendrein kombiniert es, was seinen Machern irgendwann durchs Hirn geschossen ist. Den kopfunter hängenden Sturmhaubenträger mit der Publikumsumfrage (aus der wiederum nichts folgt), die Lottoziehung mit der Blutlache und mit buntem Video-Gewirbel zum Thema Evolution.
Die Plattform-Juroren hatten aber auch ein Herz fürs andere Extrem: Für minimalistische Stücke, die auf Gedeih und Verderb eine Idee durchziehen. Antonia Baehr hat sich von einfallsreichen Freunden Lach-Partituren schreiben lassen, eine knappe Stunde bringt sie "Lachen" zu Gehör. Gut könnte man sich die charmante Aufführung auf einem Festival Neuer Musik vorstellen. Keinesfalls aber als einen von nur elf Teilnehmern auf einer Veranstaltung, die der deutschen Tanzszene gilt.
Nürnberg hat viele hübsche, aber kleine Theater; vielleicht musste man sich ja nach der Decke strecken und entsprechend bescheidene, ohne Bühnenaufbauten und Requisiten auskommende Produktionen einladen. Jared Gradinger und Angela Schubot jedenfalls brauchen eine Stunde lang (das Gardemaß dieses Festivals) nur sich selbst und ihr Keuchen. Eine bewundernswerte körperliche Leistung zeigen die beiden, indem sie 60 Minuten den Atem laut und mit Sexualakt-Vehemenz ausstoßen, sich dabei variantenreich mit- und übereinander bewegen, sich rütteln und schütteln zu pausenlosem Hecheln. Zwischendurch fangen sie von vorn an, nur die Rollen sind etwas anders verteilt. Künstlerische Konsequenz ist eigentlich immer gut, aber kann man sie nicht auch mit weniger Penetranz erreichen?
Verzicht auf den Blick von außen
Vor einigen Jahren war etwas der Monothematik Ähnliches in der Freien Tanzszene Mode, der Virus kam vermutlich aus Anne Teresa De Keersmaekers P.A.R.T.S.-Choreografenschule: die Repetition. Man wiederholte Bewegungssequenzen, bis sie der letzte Zuschauer auswendig konnte. Aufmerksamkeit fürs Detail, Bedeutung sollten entstehen - und manchmal taten sie das auch. Oft aber entwickelte sich Ödnis.
In Deutschland gibt es wohl keine Dramaturgen, vermutete jetzt ein ausländischer Besucher der Tanzplattform. Es ist eher so: Viele Choreografen können sich keinen leisten, können sich ja schon zusätzliche Tänzer kaum leisten. Und einige verzichten aus Hochmut oder Selbstverliebtheit auf den korrigierenden Blick von außen.
Zum dritten Mal und gänzlich freiwillig besuchte die Kritikerin in Nürnberg eine der zur Zeit in vier Versionen vorliegenden "Logobi"-Aufführungen. Die Idee der Schauspielregisseurin Monika Gintersdorfer und des bildenden Künstlers Knut Klaßen ist ein Gastspiel-Hit geworden, weil die gemeinsamen Auftritte je eines westlichen und eines afrikanischen Tänzers zwar einen charmant spontanen, entspannt planlosen Eindruck machen - es aber eben nicht sind. Wie bei den Shows erfolgreicher Alleinunterhalter ist bei "Logobi" (der Name eines afrikanischen Straßentanzes) die Leichtigkeit erarbeitet. Beim zweiten Gucken enthüllt sich die Dramaturgie, beeindruckt die Sorgfalt. Das Inszenierte uninszeniert wirken zu lassen, das ist hier die Kunst. Nebenbei lernt man bei "Logobi" richtig viel über Tanzsprachen, Körperkonzepte, unterschiedliche Lebenshaltungen sogar.
Etwas weniger unterhaltsam bekommt man solche Einsichten auch von Martin Nachbar, der sich seit Jahren an den "Affectos Humanos" der 1967 gestorbenen Tänzerin und Choreografin Dore Hoyer abarbeitet. Seinen, unseren Abstand zu deren expressiven Personifizierungen von Affekten wie Hass und Furcht macht Nachbar sogar per Schultafel offensichtlich. Er versucht keine getreue Anverwandlung, er lehrt uns, dass das nicht möglich ist. Er tanzt zuletzt einige "Affectos Humanos" ohne Musik und in T-Shirt und Alltagshose. Oder spielt uns nur sein Atmen vor. Der Rest muss Erinnerung sein.
Die bekommt nach Nürnberg wenig zu tun. Stücke mit klugem Konzept und funktionierender Dramaturgie, mit zum Thema passender Bewegungssprache waren rar - dazu gehören die im FR-Feuilleton bereits besprochenen "Hotel Hassler" von der Gruppe "Wilhelm Groener" und Richard Siegals "As If Stranger".
Das war nicht nur die Schuld der Jury: Ein Aufblühen des Tanzes ist derzeit nicht zu erkennen. Andererseits: So schlecht, wie es auf der Tanzplattform 2010 gemacht wurde, ist das Schaffen der freien deutschen Tanzszene dann doch nicht.