Das Händel-Gedenken - am 14. April jährte sich der Todestag des Komponisten zum 250. Mal - nahm der italienische Choreograf Mauro Bigonzetti zum Anlass, sich nach 2007 ein zweites Mal mit dessen Musik zu beschäftigen. 2007 entstand seine Choreografie "Incanto dall' Orlando Furioso" zu einem Händel-Mix von der Arie "Augelletti" bis zum beliebten "Ombra mai fù". Jetzt entschied sich Bigonzetti für Keith Jarretts transparente Suiten-Einspielungen, die 1995 als "Suites for Keyboard" erschienen. Die beiden Stücke wurden in Wolfsburg vom Aterballetto erstmals zu einem gut zweistündigen Abend zusammengespannt; das Movimentos-Festival der Autostadt hatte die Italiener eingeladen und den Auftrag gegeben für die neue Choreografie.
Bigonzetti hat sich von der ganz anders gearteten Musik auch an einen ganz anderen Ort tragen lassen. "Come un respiro" ist eine detailreiche, verspielte, aber doch auch sachliche Bleistiftzeichnung geworden. Während nach der Pause der rasende Roland durch ein Ölgemälde tanzt. Immerhin hat Bigonzetti, der manchmal den Firnis so dick aufträgt, dass sein Tanz unter Schönheit, Symmetrie, Symbolismus erstarrt, in "Incanto" nicht übertrieben. Sogar ein Augenzwinkern meint man hier und da zu sehen; schließlich muss der Verstand Rolands in Ariosts Epos vom Mond zurückgeholt werden - in einem nicht gerade ritterlichen Transportmittel, einer Flasche.
Vor allem seine Vorliebe für fließend-elegische Bewegungen lässt Bigonzettis Arbeiten bisweilen glatt erscheinen. Doch ist er auch ein Verschlanker: "Romeo und Julia" reduzierte er aufs Nötige, auf eine klare Liebeshandlung. Und auch "Incanto dall' Orlando Furioso" ist eine übersichtliche Szenenfolge, eine trotz der mit silbernen Harnisch-Stücken versehenen Tänzertrikots (Kostüme: Guglielmo Capone) nicht sehr kriegerische Ritter-Träumerei zu Händel-Arien.
Mit Schattenmustern und Wolkenhimmel bespielt Angelo Davoli die Bühne, zuletzt auch mit Aufnahmen von Industrieanlagen vor strahlendem Blau. Vielleicht ja, weil das Aterballetto in Reggio Emilia in einer sorgsam renovierten ehemaligen Gießerei residiert. Ein Maschinenstürmer scheint dieser Orlando jedenfalls nicht zu sein. Zuletzt reckt er seinen langen Kampfstecken, der aber biegt sich über seinem Kopf wie ein Regenbogen.
Von aller Zier - außer der des Tanzes - entkleidet ist dagegen "Come un respiro". Schlichte schwarze, unterm Knie endende Hosen tragen Tänzerinnen und Tänzer, die Frauen dazu weiße Oberteile. Der Bühnenraum ist schwarz, sonst nichts.
Bewegung um Bewegung zeichnet Bigonzetti mit feinem Stift auf diese Fläche, setzt hier eine entschiedene Linie, da einen verspielten Kringel. Meist schmiegt sich der Tanz an die Musik, folgt ihren Akzenten, macht sie sozusagen offensichtlich. Doch ehe diese eher meditative Haltung langweilig werden kann, erlaubt sich der Choreograf auch mal einen Scherz, ein neckisches Hüftschlenkern, ein abruptes Innehalten. Duos überwiegen, intrikate, aber ruhige Verschlingungen zweier oder dreier Körper auch am Boden. Bigonzetti hütet sich, die schöne Durchsichtigkeit und Leichtfüßigkeit der Händelschen Musik mit der Wucht tänzerischer Ensembles zu belasten.
Mit "Come un respiro" traut Mauro Bigonzetti eine dreiviertel Stunde lang sich und dem Tanz alles zu. Vertraut darauf, dass Tanz beredt von sich selbst erzählen kann. Vertraut darauf, dass eine schlicht angezogene Tänzerin, ein gar nicht mal großer Tänzer die Aufmerksamkeit allemal fesseln können, wenn sie und der Tanz nur gut genug sind. Und das Ensemble des Aterballetto und auch die Choreografie sind es.
Movimentos, Wolfsburg: bis 31. Mai. www.autostadt.de