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Theater

29. Februar 2016

Thalia „Warten auf Godot“: Der letzte Wald ist noch nicht gerodet

 Von Frauke Hartmann
"Warten auf Godot" am Thalia Theater in Hamburg: Die Welt hier drinnen ist eine Haufen Europaletten.  Foto: Armin Smailovic

Lachen, bis das Blut in den Adern gefriert: Stefan Pucher inszeniert Samuel Becketts „Warten auf Godot“ am Thalia Theater in Hamburg mit dem großartigen Komikergespann Jens Harzer und Jörg Pohl.

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Woher kommen wir, wohin gehen wir? Das sind wohl die Fragen, die Samuel Beckett in „Warten auf Godot“ partout nicht beantworten wollte. Könnte es sein, dass Godot ein Schleuser ist, der zwei Kämpfer aus der Resistance in die Freiheit retten soll, wie die Dramaturgie im Programmheft nahelegt? Auch so eine Interpretation, die Beckett neben unendlich vielen anderen zulässt. Stefan Pucher hingegen entwickelt in seiner im Hamburger Thalia Theater bejubelten Inszenierung nicht den geringsten diesbezüglichen Ehrgeiz.

Vielmehr hat er ein Komikergespann auf die Bühne gestellt, Jens Harzer und Jörg Pohl, die ein großartiges Zusammenspiel als lakonische Neuausgabe von Didi und Gogo bieten: Ein Amüsement, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Becketts scheinbar nihilistischen Ansatz, der den Glauben an das Wahrgenommene, das Gute im Menschen, den Sinn, an Gott und die Erlösung, ja an die eigene Erinnerung immer wieder triumphierend zunichte macht, hat Pucher noch einmal durch den Fleischwolf unserer Gegenwart gedreht.

Wie viel Kälte, wie viel Gewalt und Zerstörung in Becketts Dialogen lauern, um sich im Lachen zu entladen, daran lässt er keinen Zweifel. Und dass damit die Zeit vergeht (oder tut sie das gar nicht?), das ist der beunruhigend bohrende Unterton, musikalisch umgesetzt von Christopher Uhe, der quälend leise bleibt. Und uns aus dem Theater hinaus begleitet.

„Is mir egal“, singt Harzer

Harzer und Pohl treten als Rapper in schlabbrigen Trainingsanzügen und albernen Topfmützen auf (Kostüme von Tabea Braun), soviel ist schon mal Programm. Zumal sie tatsächlich Songs covern wie den 60er-Jahre- Hit „I go to sleep“ (Pohl) und den Online-Erfolg „Is mir egal“ (Harzer). Sie laden uns ein, in ihnen die Hoffnungslosigkeit junger Hartz-IV-Empfänger, zusammengeschlagener Obdachloser oder entfesselter Totschläger, vergnügter oder hilfloser Täter zu sehen. Zeitzeugen eben. Aneinander gefesselt durch ihr bloßes Dasein.

Ihre Welt, aus der sie nicht entkommen, ist ein schlichtes Gebirge aus Europaletten (Bühne von Stephan Laimé), nicht mehr eine Straße und ein Baum wie bei Beckett. Und doch scheint der letzte Wald noch nicht gerodet, zumindest steht da nach der Pause ein Riesenstamm. In einem ziemlich genialen Schachzug hat Pucher die Welt außerhalb der Bühne, also das, worauf sich Didi und Gogo beziehen und das zugleich außerhalb ihrer unmittelbaren Wahrnehmung liegt, als Schwarzweiß-Video (von Meika Dresenkamp) an die Hinterwand geworfen. Und führt uns vor Augen, wie Erinnerung funktioniert.

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Da kommen über einen grob gepflügten Acker in der norddeutschen Tiefebene zwei Gestalten heran: Oliver Mallison als Pozzo im Heavy-Metal- Look mit einer Peitsche und Mirko Kreibich fast zusammenbrechend mit Gepäck beladen in einer Version des Foltergewands von Abu Ghraib. Mallison und Kreibich purzeln sehr schön aus dem Film auf die Bühne und sind nicht mehr dieselben, Mallison hat jetzt langes Haar, Kreibich eine andere Kopfbedeckung und andere Gepäckstücke. Aber was macht das schon? Sie kommen aus einer Wüste, in der gefoltert wird und Menschen sich zur Unkenntlichkeit verhüllen. Flüchtlinge, Burkas, Guantánamo, IS-Terror. Unser Hirn will die Bilder einfach zur Deckung bringen. Und tut es. Realität? Ein Hirngespinst.

Puchers Video belügt und betrügt. Am eindrucksvollsten, wenn Kreibich mit einer Perücke, die aus einem umgedrehten Skalp besteht, als Punkstar auftritt – bis er zusammengetreten wird und sich anschließend wehrt, wie Jesus vom Kreuz genommen zu werden. Aber das alles ist nicht geschehen, wie Pozzo im zweiten Akt behauptet. Da sind die beiden blind und taub. Nur der Film war Zeuge, seine Überblendungen, seine Endlosschleifen.

Thalia Theater Hamburg: 5./6. März, 21. April. www.thalia-theater.de

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