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Thalia Theater Hamburg: Selbstmordhilfe als Sprache der Liebe

Dennis Kellys "Liebe und Geld" ist ein tiefschwarzes Stück. Regisseur Stephan Kimmig hat gut daran getan, hinter den Text zurückzutreten und ihn in seiner Rohheit wirken zu lassen. Von Frauke Hartmann

Dennis Kellys Liebe und Geld ist ein tiefschwarzes Stück. Szene aus der Inszenierung am Thalia Theater Hamburg.
Dennis Kellys "Liebe und Geld" ist ein tiefschwarzes Stück. Szene aus der Inszenierung am Thalia Theater Hamburg.
Foto: dpa

Immer wieder Sprachlosigkeit. David hat seiner Frau beim Selbstmord geholfen, hat gesehen, dass die Schlaftabletten nicht ausreichen und eine Flasche Wodka besorgt. Da sie nicht mehr schlucken kann, füllt er sie erst mit einem Strohhalm, dann tröpfchenweise in sie ein. Und dabei sieht sie ihm in die Augen, mit dem einzigen an ihr, das noch sprechen konnte.

Davids Geständnis der Selbstmordhilfe eröffnet den Abend. Daniel Hoevels, der David spielt, hat sich dafür ins Bett gelegt, und zitiert es als Email an seine französische Geliebte. Sie hatte David heftig gedrängt, von seiner verstorbenen Frau zu erzählen. Während er spricht, räumt Susanne Wolff als Davids Frau Jess unten im Haus die Nähmaschine weg, im weißen Brautkleid, das mit einem cremefarbenen Schleier bedeckt ist, ein schmutziger Engel. Danach ist Schweigen.

Ein Schweigen, das gleich den Sprung in eine andere Zeit und zu anderen Menschen erlaubt. Es ist untermalt mit der kindlich-offenherzigen Stimme der New Yorker Antifolksängerin Kimya Dawson. Es springt zu den Eltern der Toten, die ebenso Ungeheuerliches tun, indem sie das Grabmal neben dem Grab ihrer Tochter schänden.

Stephan Schad und Sandra Flubacher erzählen davon gehetzt, sich ins Wort fallend und kritisierend, zu Komplizen im schweigenden Einverständnis mit der Tat verdammt. Es springt zu Davids Ex (Victoria Trauttmansdorff), die ihm, dem hochverschuldeten Lehrer, einen beschissenen Job im Lager anbietet und zu einem Perversen (Hartmut Schories), der eine Kneipenbekanntschaft mit dem Foto des Schwanz lutschenden David beeindrucken will. Und es springt und findet sich ein zur Hochzeit von David und Jess, in der sie ihr Unvermögen als Sprache der Liebe feiern. "Ich bin so verliebt, dass ich kotzen könnte", sagt die Braut.

Es sind Szenen der Trostlosigkeit und Verlorenheit in der zivilisierten, degenerierten Welt des Konsums, die der Londoner Dramatiker und Drehbuchautor Dennis Kelly da zusammen gestellt hat. Und natürlich erinnern sie in ihrer dreckigen Härte an die englischen Theaterautoren, die bei uns in den neunziger Jahren Furore machten, an Sarah Kane oder Mark Ravenhill.

Damals ging es darum, junge Menschen der Generation X (-stasy) zu porträtieren, die in einem moralischen Vakuum nach Orientierung suchen. Trotzdem war der Gedanke von der Veränderbarkeit der Welt nicht völlig aufgegeben. Selbst die verstorbene Sarah Kane hatte immer noch Hoffnung gezeigt.

Dennis Kelly, 1970 geboren und damit selbst Teil der Generation X, geht, in "Liebe und Geld" zumindest noch einen Schritt weiter. Er will die Defekte seiner Figuren weder erklären noch die möglichen Folgen der Kaufsucht ausmalen. Er beschreibt einfach Zustände in ihrer Brüchigkeit und verknüpft sie locker. Für ihn ist die Hoffnung, dass sich da jemals etwas zusammen fügt, Illusion. Eine die die Braut in ihrem Hochzeitsmonolog aufs schönste als Hoffnung beschwört, dass die Sprachlosigkeit einen anderen Ausdruck findet im Glauben, in der Schöpfung. In Fleisch und Liebe anstatt in Zahlen und Rabatten. Letzte Illusion Christentum.

Diesen zugleich desillusionierenden und sehnsüchtigen Raum des Stückes unterstreichen die Bühnenbildner Katja Haß und Oliver Helf mit einer transparenten Installation. Sie stellten einen offenen, von allen Seiten einsichtigen, drehbaren Würfel auf die Bühne, einen Mix aus Haus, Turngerät und Karussell, in dessen Enge sich manchmal alle umziehen. Aufmunternd schauen die Schauspieler ihren Kollegen bei deren Reden zu und eröffnen so die Distanz, in der das Schweigen, das Ungesagte sich entfaltet.

Regisseur Stephan Kimmig hat gut daran getan, hinter den Text zurückzutreten und ihn in seiner Rohheit wirken zu lassen. Ein wenig mehr Vertrauen in dieses well made play der neuen Dekade wünscht man der Inszenierung aber doch. Etwa, wenn sie mit zusätzlichen Zeitansagen die rückwärts laufende Chronologie erklärt, was eigentlich überflüssig ist. Die Verweigerung von Eindeutigkeit und Zuordnungen ist ja gerade das, was dieses Stück auszeichnet.

Thalia Theater Hamburg, 28. März, 9., 19., 22., 29. April.

Autor:  FRAUKE HARTMANN
Datum:  25 | 3 | 2009
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