Die zeitgenössische Dramatik hat noch kein überzeugendes Stück zur Weltwirtschaftskrise zustande gebracht. Man sollte da aber nicht zu streng sein, denn es gibt auch aus anderen Jahren und Zeiten kaum Stücke, die sich mit der Wirtschaft selbst beschäftigen. Mit dem Elend: ja. Mit dem Kapital: nein. Der Griff zu Brecht liegt also nahe. Seine "Heilige Johanna der Schlachthöfe" führt denn auch die Spielpläne an. Vor lauter Dreigroschenoper-Tand vergisst man gern, dass die Johanna ein astrein kommunistisches Stück ist, das am Ende zur Revolution nach sowjetischem Vorbild aufruft.
Vielleicht sieht man gerade daran, wie sehr dem Theater der Zahn gezogen wurde, wenn es dermaßen egal ist, was es erzählt, Hauptsache eine große Geschichte mit großen Figuren vor historischem Hintergrund. Schlachthöfe, Chicago, Kerle mit Gefühl und eine Frau, die am Ende stirbt. Das geht zur Not auch in Rot.
Nicolas Stemann war früher mal als Popregisseur verschrieen, und wird heute als Jelinek-Spezialist gefeiert. Der 41-jährige Regisseur probt die Johanna in Berlin am Deutschen Theater gerade zu Ende. Und auch er freut sich über den Genre-Fächer, der Stile durcheinanderwirbelt. Oper, Melodram, Heiligenspiel, Komödie, Tragödie.
Aber Stemann sieht auch die heutige Komplexität dieses Stückes. Die Parallelen liegen weniger in der stofflichen Gestaltung. Pierpont Mauler, der Anti-Held, Fleischkönig und von Gefühlen geplagte Kapitalist, macht Waren- und Termingeschäfte. Aktienhandel kommt nur am Rande vor, und von der Banken- und Finanzwelt spricht gar niemand.
Was Stemann sieht, ist weniger die einfache Anklage als die Reflexion der eigenen Rolle. "Brecht ist das ja alles bewusst", sagt Stemann, "wir stehen im bürgerlichen Theaterrahmen und fordern den Umsturz der Verhältnisse, die diesen Theaterabend erst ermöglichen. Das passiert auch in der Heiligen Johanna der Schlachthöfe, diese Vereinnahmung der Widerstandsgeste."
Nicolas Stemann erzählt begeistert von einer frühen Stückfassung, in der in etwa steht: "Die Bühne hebt sich und man sieht, dass sie von Tausenden von Arbeitern getragen wird." Brecht benennt damit die Bedingungen, die ihm ermöglichen, Kunst zu machen. Stemann: "Er weiß, dass es die gleichen Bedingungen sind, die er mit seiner Kunst anprangert. Das bürgerliche Gutseinwollen der Johanna, das ist das Theater.
Auf den Proben sieht man deutlich, was Stemann damit meint. Zu Beginn tragen alle weiße, glitzernde Abendgarderobe und trinken Champagner. Alle: Der Kapitalist Mauler sowie Johanna Dark, die Heilsarmistin mit dem guten Willen. Kapitalismuskritik ist salonfähig und perlt dabei so wunderschön.
Claus Peymann (72) kann davon ein Lied singen. Sein Berliner Ensemble, Monument und Mausoleum Brechts, hat tolle Auslastungszahlen. Als er vor fünf Jahren die Johanna inszeniert hatte, gelang ihm ein großer Erfolg. Die Regierung geht bei ihm ins Theater und gratuliert ihm.
Im Gespräch nennt Peymann dies ein altes Theater-"Paradox". Ist halt so. Die neu gewonnene Aktualität Brechts sieht Peymann deshalb weniger in den Fragen nach der eigenen Rolle als in der alten Gewissheit darüber, gegen wen man kämpft: "Im Öffentlichen die Mächtigen aushebeln, auch mit Gelächter, das ist zum Beispiel eine der Aufgaben des Theaters. Was für Typen das sind, die die Bankenkrise herbeigeführt haben, darüber muss man doch lachen, solange man noch lachen kann! Infernalisch lachen!" Peymann ist in Fahrt und steuert ein Ausrufezeichen nach dem andern an. Er redet von Enthüllung der Wahrheit, von kapitalistischen, diktatorischen Strukturen.
Am kommenden Samstag zeigt Peymann seine Inszenierung von Goldonis "Trilogie der schönen Ferienzeit". Es geht in dieser Komödie von 1761 um eine Gesellschaft auf Pump, die aus dem Ruder läuft. Die Parallelen sind so einfach wie schlagend. Vielleicht muss man das Modell Peymann aber auch katholisch rahmen: In sein kapitalismuskritisches Theater geht eine Schicht, die ihr Gewissen über die Mitschuld an den Verhältnissen beruhigt. Brecht als Beichte. Bei Peymann ist das Praxis, bei Stemann Thema.
Wieder auf der Probe bei Stemann: Im zweiten Teil seiner Inszenierung schwenkt sein Interesse auf die (Bild-)Sprache der Ideologie. Wirtschaftsweisheiten erklingen im Chor, Revolutionsromantik gibt es auf Butzenscheiben. Und immer wieder eingeblendet das Totschlagargument der radikalen Marktbefürworter: There is no alternative - Es gibt keine Alternative.
Jetzt merkt man, dass Nicolas Stemanns Thematisierung der eigenen Rolle nicht mit Relativismus zu verwechseln ist. "Hier zeigt sich der Totalitätsanspruch des neoliberalen Denkens - warum bitte soll es keine Alternative geben zu einem System, das so massiv Armut produziert, während andere immer reicher werden?", fragt Stemann. Und spiegelt die Ideologie auf Augenhöhe zurück: "In unserer Arbeit wollen wir die Perfidie dieses Spruches zeigen - und ihn gleichzeitig zum Schillern bringen. There is no alternative: das könnte genauso gut die Gegenseite sagen." Dazu müsste Peymann eigentlich nicken.
Deutsches Theater Berlin: "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe", Premiere 16. Dez., www.deutschestheater.de. Berliner Ensemble: "Die Trilogie der schönen Ferienzeit", Premiere 19. Dez., www.berliner-ensemble.de