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Theater

19. November 2012

Theater: Die durchgeknallte Mutter

 Von Katja Oskamp
Das Theater an der Parkaue sollte „Minna von Barnhelm“ spielen. Doch es sollte nicht sein.  Foto: PR/Christian Brachwitz

Von dem verzweifelten Versuch, mit der Tochter ins Theater zu gehen. Zu einem Stück, das einfach nicht stattfinden wollte.

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Zu ihrem 15. Geburtstag schenkte ich meiner Tochter einen Theaterbesuch mit ihren Freundinnen. Sie fand die Idee spitze. Mit ihrer Gymnasiumsklasse war sie noch nie ins Theater gegangen.

Ich durchforstete die Berliner Spielpläne nach einer Inszenierung, die ohne verwackelte Live-Kamera und postdramatische Metaebene auskommt. Zum Glück stieß ich auf das Theater an der Parkaue, ein Kinder- und Jugendtheater mit Tradition. Hier gab man „Minna von Barnhelm“, eine richtige Geschichte mit richtigen Schauspielern. Was will man mehr?

Ich reservierte sieben Karten und fuhr einige Tage später zum Theater, um sie abzuholen. Ich war die einzige Kundin im Besucherservice. Meine Tochter schrieb die Einladungen und steckte sie in liebevoll gestaltete Umschläge. Ich legte den Briefen eine Kopie des Stückinhalts aus dem Schauspielführer bei. Die Freundinnen waren überrascht und freuten sich auf den abendlichen Ausflug. Sie wollten sich besonders schick machen.

Zwei Tage vor der Aufführung bekam ich eine E-Mail. Wegen Erkrankung einer Hauptdarstellerin müsse die Vorstellung ersatzlos entfallen, ich solle mich beim Besucherservice melden. Als ich anrief, sagte die Frau am anderen Ende, sie biete mir einen Termin Mitte November an. Ich fragte, warum sie keine Spielplanänderung in Betracht zögen oder ob sie die Rolle nicht umbesetzen könnten. Die Frau am anderen Ende lachte bitter: „Das war früher! Ein Theater hat heute nicht mehr die Kapazitäten, eine Rolle in so kurzer Zeit umzubesetzen!“ Ich buchte auf die nächste „Minna“-Vorstellung in drei Wochen um. Meiner Tochter fiel die undankbare Aufgabe zu, ihren Freundinnen zu eröffnen, dass der Theaterbesuch verschoben werden müsse.

Die Freundinnen murrten ein wenig, ließen sich aber auf den späteren Termin vertrösten. Sie waren neugierig auf die Liebesgeschichte zwischen Minna und dem Soldaten geworden.

Schon wieder verletzt

Eine Woche vor dem neuen Termin rief ich sicherheitshalber die Frau vom Besucherservice an und erkundigte mich, ob die Schauspielerin nun wieder gesund sei und die Vorstellung stattfinden würde. „Im Moment gehen wir davon aus“, sagte die Frau etwas zögerlich und bat mich, nicht mehr anzurufen. Wenn es nötig sei, würde sie sich melden.

Sie tat es. Am Tag vor der Vorstellung nachmittags um vier klingelte das Telefon: „… Ich wage kaum, es Ihnen zu sagen ...“ − „Das ist nicht Ihr Ernst, oder?“, stotterte ich perplex. „Doch“, erklärte sie, ein Schauspieler habe sich auf der Vormittagsprobe verletzt und sei mit dem Notarztwagen abgeholt worden. „Was schlagen Sie vor?“, fragte ich. Die Frau seufzte. „Kommen Sie her, möglichst noch diese Woche. Bringen Sie die alten Karten mit, wir zahlen Ihnen das Geld zurück.“

Peinlich berührt erklärte meine Tochter ihren Freundinnen am nächsten Tag in der Schule, dass der für den Abend geplante Theaterbesuch schon wieder ausfallen müsse. Die Freundinnen wunderten sich und maulten. Sie waren enttäuscht. Sie hätten gern ihre schönsten Kleider ausgeführt. Sie hätten gern die Liebesgeschichte verfolgt. Dann zuckten sie mit den Schultern und entschieden spontan, am Nachmittag ins Kino zu gehen, in irgendeine amerikanische Komödie über einen Lehrer, der sich wie verrückt für seine Schüler einsetzt und zum Helden wird.

Staatstheater ohne Zuschauer

Ich fuhr wieder zum Theater an der Parkaue. Wieder war ich die einzige Kundin im Besucherservice. Sieben Mitarbeiterinnen aßen gerade an einem großen runden Tisch Mittag. Sie kauten stumm. Die Frau, mit der ich telefoniert hatte, stand auf, nahm die Karten entgegen, gab mir das Geld, bedankte sich für mein Verständnis und kehrte zu ihrem Teller zurück.

Wahrscheinlich wären wir sieben in beiden Vorstellungen die einzigen Zuschauer gewesen, und auch die hatten sie jetzt endgültig verloren. Sollten die Freundinnen meiner Tochter jemals wieder das Wort Theater hören, woran würden sie denken? An diese durchgeknallte Mutter, die sie dauernd zu etwas einlud, das gar nicht stattfand. Aber billiger ist es für alle geworden − für mich, trotz massenhaft Popcorn und literweise Cola, und auch für das Theater an der Parkaue, laut eigenem Internet-Auftritt „das größte Staatstheater für junge Menschen in Deutschland“.

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