Theater

16. Januar 2013

Theater: Die im Keller

 Von Judith von Sternburg
Wer nimmt hier wen auf den Arm? (Susanne-Marie Wrage, Sebastian Kowski)  Foto: Arno Declair

Andres Veiels „Das Himbeerreich“ kommt nach der Premiere in Stuttgart nun ans Deutsche Theater nach Berlin. Das schockierend Neue an dem Inhalt dieses Stücks über Banker und die Finanzkrise ist, dass es eigentlich nichts Neues mehr ist.

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Berlin –  

Das Merkwürdige ist, dass das meiste von dem, was die Banker hier sagen – zur Erklärung, zur Anklage, aus Angeberei –, sich interessant liest, aber im Kern nichts Neues bringt. Vor vier Jahren hätte dem Leser vermutlich noch das Herz gestockt. Dass das Operieren mit hohen Geldsummen anderer Leute Größenwahn verursacht, ist aber nurmehr so wenig eine Überraschung wie der Hinweis, dass Banker überdurchschnittlich karriereorientierte Arbeitnehmer sind.

Und dass auch Banker unter Umständen zu Opfern der Krise werden. Und dass auch sie häufig nicht verstehen, was sie tun. „Wir müssen permanent Entscheidungen treffen in einem Bereich, den niemand wirklich durchdringt …“ Und dass das auch keiner von ihnen erwartet. Dass es vielmehr darum geht, den Verhandlungspartner so lange zu desorientieren, bis er zustimmt. Dass Anglizismen dabei nützen: überlegen zu klingen und unverständlich zu bleiben. Dass die Politik aus Sicht der Banker die beschriebenen Geschäfte, darunter das „Ausrauben ganzer Bevölkerungen“, erst möglich macht. Dass die Banker selbst darüber staunen, was ihnen alles erlaubt wird.

Erklärstück zur Finanzkrise

Wenn Banker davon sprechen, klingen sie wie empörte Bürger. „Das ist alles bekannt. Warum wird da niemand wütend?“, sagt Skeptiker Kastein in Andres Veiels „Das Himbeerreich“, vor der Premiere bereits herbeigesehnt als das große Erklärstück zur Finanzkrise. Dabei wird in erster Linie deutlich, wie gut die Öffentlichkeit bereits im Bilde ist. Es hilft nur alles nichts. Und sich von Menschen etwas erklären zu lassen, die es selbst nicht verstehen, hilft ebenfalls nichts.

Vielleicht überrascht noch am ehesten, dass sie so offenherzig sind. Zwischendurch wittert man die Logorrhoe des gewöhnlich zur Diskretion gezwungenen Angestellten. Manchmal denkt man: Glauben Banker ernsthaft, all das sei nur in ihrem Beruf so? Neben der Offenheit besticht die Eloquenz. Was sich etwas relativiert, wenn einbezogen wird, dass Veiel mit zwei Dutzend Informanten sprach und nach eigener Schätzung etwa drei Prozent des Materials verwendet. Und wenn einbezogen wird, dass die Informanten ja gerade nicht bereit waren, sich öffentlich zu äußern.

Darum ist „Das Himbeerreich“ kein spektakulärer Dokumentarfilm, sondern ein schlichtes Theaterstück. Eigentlich gar kein Theaterstück. Sondern ein Lesetext, der auf einer Bühne vorgetragen wird, wo fünf Schauspieler und eine Schauspielerin fünf Banker und einen Chauffeur spielen. Gut spielen, aber halbherzig wirken. Als wüssten sie, dass die meisten Zuschauer dieses eine Mal im Leben nicht die guten Schauspieler sehen wollen, sondern die Banker.

Gediegene Kostüme

Die Uraufführung war am Wochenende im Staatstheater Stuttgart, heute hat die Koproduktion mit dem Deutschen Theater seine Berlin-Premiere. Veiel als Regisseur unternimmt dabei redlich den Versuch, doch noch das Theaterstück daraus zu machen, das es nicht ist. Michaela Barth übertreibt es mit den Kostümen nicht, sie sind gediegen, aber nicht poliert. Julia Kaschlinski stellt nur drei Bürostühle in den tiefen schwarzen Raum. In Glasaufzügen rechts und links können die Figuren „einschweben“ , wie es im Text vorgesehen ist. Nobel, auch wenn sich im Laufe der hundert Minuten zeigt, dass die Szene im Keller, nicht in den Vorstandsetagen eines Bankenturms spielt.

Dass es keine Handlung gibt und geben kann, wird durch einen dramaturgischen Aufbau leicht verschleiert. Susanne-Marie Wrage als straffe Erfolgstype Manzinger wird am Ende selbst abgesägt, während sie zuvor noch aus ihrer Verachtung für die älteren Herren kein Hehl machte: Ulrich Matthes als Wider-den-Stachel-Löcker Kastein, Joachim Bißmeier als eitler Herr von Hirschstein, Sebastian Kowski als leicht verlegener Polterer Modersohn, Manfred Andrae als am deutlichsten müder Banker a. D. Prototypen sie alle. Veiel lässt sie einander zuhören und ansprechen, aber das nimmt ihnen kein Mensch ab. Als Zuhörer geeignet ist hingegen Jürgen Huth, der Fahrer Hinz, der mit dem töricht geöffneten Mund der ernstlich Lauschenden bei der Sache ist. Eine Art Computerstimmenchor ergänzt ein anekdotisches Allerlei aus dem Vorleben der Banker. Leute wie du und ich, was sonst.

Es ist nichts dagegen einzuwenden, sich den Text aus dem Munde von Schauspielern anzuhören. Aber es stellt sich kein zusätzlicher Wert ein, stattdessen tritt der Verlust (nicht den Bankern in einem Dokumentarfilm von Andres Veiel zuhören zu können) scharf zutage. Gegen seine Gewohnheit hat das Theater nichts beizutragen, was aufschlussreicher wäre als die Realität. Was aber draußen übermächtig wirkt, ist im Theater dürftig.

Das Himbeerreich 16., 17., 23., 28. 1., Deutsches Theater, Tel.: 030 - 28 44 12 25

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