kalaydo.de Anzeigen

Theater: Gedankenvirus im Design

Schauspiel Frankfurt: Oliver Reese inszeniert „Hamlet“ mit einer sehenswerten Bettina Hoppe in der Titelrolle. Es gibt aber auch viel Miss- oder halb Gelungenes.

Valery Tscheplanowa und Bettina Hoppe.
Valery Tscheplanowa und Bettina Hoppe.
Foto: Andreas Arnold

Man meint seinen Augen nicht zu trauen, am Anfang dieses Frankfurter „Hamlet“. Nicht wegen des Geists von Hamlets Vater, der tritt erst gar nicht auf. Aber sieht dieser König nicht aus wie Ralph Fiennes? Erinnert Hamlet nicht merkwürdig an den jungen Leonardo di Caprio? Und diese Locken von Laertes! Es könnte ein Hollywood-Traum von Shakespeare sein, was hier zu sehen ist.

Dazu eine große Treppe, die nach hinten nicht ansteigt, sondern von der Rampe weg raumbreit nach unten fällt, in eine weiße Gruft mit spiegelnden Wänden, ein tagheller Schlund. Ein überraschender, spaciger Raumtraum von Hansjörg Hartung.

Dieses Theater, denkt man, will schön sein. Warum nicht auch im Theater mal wieder gut aussehen? Unbedingt zeitgemäß. Kein Gedanke steht im Raum sondern Design, kein Jenseits sondern ein heutiger Hof, kein Geist weit und breit. „Ich glaub, ich sehe meinen Vater“, sagt der gedankenbedrängte Hamlet. Und unterstreicht damit nur: Einen so diesseitigen Hamlet hat es noch nicht gegeben, so innerweltlich ist dieses Tod-, Traum- und Wahndrama wohl noch nie gewesen.

Living Lounge und Hof der Macht, Privatraum und Politik liegen – wie bei Shakespeare – ungetrennt beieinander. Hamlet ist ein schwarzer Fremdkörper in dieser cleanen Welt schmutziger Beziehungen. Ein Gedankenvirus zwischen Geschäften und Interessen.

Wer als Regisseur den Hamlet macht, will es wissen. Auch Oliver Reese, der Frankfurter Intendant, sonst eher ein Mann des moderaten Zwei-Stunden-Zuschnitts, gibt seinem „Hamlet“ Großregisseursformat. Eine Stunde hätte der formbewusste Regiestil Reeses sicher füllen können. Vielleicht hätte diese inzwischen frankfurt-typische Mischung aus Klassizität, Konsumierbarkeit und Anschaulichkeit auch etwas länger getragen. Aber nach dreieinhalb Stunden ist klar: Dieser „Hamlet“ ist auch nur eine normale Stadttheater-Aufführung.

Pimmelphantasien und Wichs-Getue

Es gibt zu viel Miss- oder halb Gelungenes. Sebastién Jacobi ist dem Laertes nicht gewachsen, er soll einen verweichlichten Django-Typ spielen, dringt aber nie zu seiner Figur durch. Als Rosenkranz und Güldenstern geben Mathis Reinhardt und Christian Bo Salle ein beschwingtes Duo, aber dass sie auch noch die Theateraufführung im Zentrum des „Hamlet“ und die Totengräberszene schultern sollen, ist zu viel. Das Kinder- und Bettenmusical, zu dem hier das Stück im Stück, die berühmte Mausefalle, wird, verfängt sich selbst im affektierten Kunstgesang und entfaltet nie seine Spiegelwirkung. Die Totengräberszene bleibt eine Plastikknochenbehauptung.

Leid tun kann einem Sandra Gerling als Ophelia. Den Wahn der in der Liebe Verunsicherten muss sie mit leichtem und feuchtem Kleidchen als Sex-Obsession spielen. Auf dem schwarzen Klavier liegend wirkt sie mit schmutzigen Pimmelphantasien und Wichs-Getue im cleanen Ambiente so ausgestellt, dass es weh tut, so nackt, wie Haut allein nie sein kann. Überhaupt sind Verzweiflung und Abgrund, das große Waste Land des 4. und 5. Akts, die Sache dieser Aufführung nicht.

Till Weinheimer als König, Stefanie Eidt als Königin machen gute Figur. Peter Schröder, neues Ensemblemitglied, gelingt die ratschlagselige Klugheit des Höflings Polonius sehr schön. Der bleiche Vater bzw. Geist, der natürlich doch noch auftritt, ist bei Felix von Manteuffel ebenfalls in besten Händen. Er macht es so nachdrücklich und strikt, dass der abwesende Vater zeitweise als präsenteste Figur erscheint.

Einen Grund gibt es, dass man den Frankfurter „Hamlet“ gesehen haben muss: Bettina Hoppe, Hamlet, die Frau mit dem Di-Caprio-Anflug. Die Frage, warum dieser Hamlet eine Frau ist, stellt sich nie. Nicht weil Hoppe eine knabenhafte Ausstrahlung entwickelt, sondern weil sie die Bedrängnis, Verzweiflung und Todesnähe des jungen Gedankenmenschen Hamlet genauso entschieden anpackt wie das Rapier, mit dem sie am Ende gegen Laertes kämpft. Schwarz, spitz, klar, hart steht dieser Hamlet da und versucht sich mit aller Kraft seines scharfen, spottenden Verstandes zu behaupten.

Hoppe hat große Vorläuferinnen, Sarah Bernhardt oder Angela Winkler. Über Winkler hat Peter Zadek gesagt, dass er auch nicht genau wisse, warum sie den Hamlet spielen soll. Sie solle es einfach tun. So ist das auch hier. Bettina Hoppes düstere Erscheinung und das Ringen um Erkenntnis lassen sie vom ersten Moment an als natürlichen Hamlet erscheinen.

Hoppe kann ihren Hamlet denken

„Die Zeit ist aus den Fugen. Was für ein Fluch, das ich jemals geboren wurde und sie richten soll!“ Der berühmte Satz ist auch für die Rolle, wie Hoppe sie spielt, der Schlüsselsatz. Aber nicht als Intellektueller oder Weltverbesserer, sondern als jemand, dessen ganzer starker Wille darauf konzentriert ist, in zweideutig-verlogener Welt einen klaren Verstand zu behalten.

Reeses „Hamlet“ ist ein sehr diesseitiges Stück, Hoppes Hamlet kommt von weit innen. Hoppe kann ihren Hamlet denken. War der „Sein-oder-Nicht-Sein“-Monolog (was hier „Leben oder nicht leben“ heißt) schon einmal so unaufgeblasen und Wort für Wort durchdacht zu hören? Roland Schimmelpfennigs Übersetzung kommt Hoppe dabei entgegen. Sie setzt auf Verständlichkeit, lässt dem Text ein Geheimnis und wahrt, wie man sagt, behutsam den Lautstand.

Im weißen Spiegelsaal steht ein schwarzes Klavier, auf dem Hamlet immer wieder seinen seelischen Zustand herausspielt. Bei Luk Percevals legendärem Münchner Schwarz-Weiß-„Othello“ vor zehn Jahren gab es dafür einen Pianisten. In Frankfurt macht es Hoppe selbst – kunstfertig und stilsicher. Im Klavier hat diese Aufführung ihre Metapher, in Hoppes Spiel wird sie zur Performance. Ihr wollt auf mir spielen, fragt Hamlet spottend und angeekelt Rosenkranz und Güldenstern, auf mir, auf meinen Tasten, und könnt nicht einmal die dieses Klaviers bedienen?

Schauspiel Frankfurt 9., 15., 18., 19., 25. Dezember, 8., 18., 25. Januar, www.schauspielfrankfurt.de

Autor:  Peter Michalzik
Datum:  5 | 12 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.