Nein, es ist nicht wahr, dass die Kritiker nur noch ins Hamburger Schauspielhaus gehen, um dann zu verreißen, was sie gesehen haben. Man würde gerne mal wieder so richtig begeistert aus Deutschlands größtem Theater kommen und eine euphorische Kritik schreiben. Aber es wird einem schwer gemacht.
Am Donnerstagabend hatte "Punk Rock" Premiere, die groß angekündigte deutschsprachige Erstaufführung des neuen Stücks von Simon Stephens. Mit Stephens´ "Pornographie", einem Episodenstück über London am Tag der Anschläge von 2005, hatte das Schauspielhaus 2007 einen seiner wenigen großen Erfolge unter Intendant Friedrich Schirmer. Regie führte damals Sebastian Nübling, zum überzeugenden Schauspielensemble gehörte ein gewisser Daniel Wahl. In Stephens´ neuem Stück geht es um eine Gruppe von pubertierenden Schülern in einer britischen Oberschule, zwischen den Szenen liegen oft mehrere Wochen; einer der Schüler entwickelt in dieser Zeit eine Psychose und wird zum Amokläufer. Die Regie hat Daniel Wahl.
Wahl und seine Bühnen- und Kostümbildnerin Viva Schudt packen auf die große Bühne eine mächtige, breite, graue Schultreppe, wie sie jeder kennt. Man kann sie schön rauf und runterrennen. So weit, so gut. Der Rest lässt viele Fragen offen: Wenn die Bühne so realitätsnah ist, wieso verschwimmen dann die Kostüme in ungenauer Milieulosigkeit? Warum vergisst man nie, dass hier erwachsene Schauspieler 17jährige Schüler spielen? Warum tragen diese Schauspieler Mikroports, wenn sie doch nur von der Rampe in hohem Ton ins Publikum sprechen, statt miteinander? Warum verursachen diese Mikroports unangenehme Halleffekte? Warum steht Lilly (gespielt von Julia Nachtmann) während des Amoklaufs vorne links an der Rampe rum und spielt mit ihrem Handy, obwohl sie eigentlich nicht anwesend ist? Warum hudeln die Schauspieler durch diesen Text, als wollten sie möglichst schnell fertig werden? Und was ist eigentlich mit Simon Stephens los, dass er einen so absehbaren, beliebigen Text abliefert, in dem es statt Charakteren nur Stereotypen gibt - die kluge Kühle, die schlagfertige Dicke, das großmäulige Alphamännchen, der superschlaue Außenseiter?
Das Stück wird trotz allem funktionieren. Die Schüler, die da durchgeschleust werden, werden alles wunderbar verstehen, vieles wird ihnen aus ihrem Schulalltag bekannt vorkommen, und vielleicht lernen sie sogar, besser auf Warnzeichen bei ihren Mitschülern zu achten. Aber es ist nunmal das Deutsche Schauspielhaus, und da darf man doch mehr erwarten. Es geht, nicht erschrecken, doch eigentlich um Kunst, oder nicht? Um möglichst Neues, Aufregendes, Berührendes, Überwältigendes, Empörendes, ästhetisch wie inhaltlich.
Wahl hat ein paar gute Ideen: Blitzschnell lässt er etwa den tödlichen Überfall geschehen, so dass der Amokläufer William (gespielt von Sören Wunderlich) statt mit verängstigten Mitschülern mit Toten spricht ("Ihr seid heute alle so verdammt still"). Statt mit einem Psychiater redet William anschließend mit dem Publikum.
Dann aber wirkt die Regie wieder überfordert. Auch die Schauspielerleistungen sind nur passabel - zu wenig für dieses Haus. Julia Nachtmann, die Williams Vertraute Lilly spielt, die ihn enttäuscht und so das ganze Drama auslöst, und Aleksandar Radenkovic als Großkotz Bennett gelten als vielversprechende Talente. Aber man scheint am Haus so froh zu sein über solche Lichtblicke, dass man sie sofort mit großen Rollen zuschmeißt. Eine langfristige Förderung, die eine Weiterentwicklung von Schauspielern möglich macht, sieht anders aus. Paradebeispiel für dieses Problem ist Jana Schulz (die diesmal nicht dabei war). Martin Kusej und René Pollesch, die beiden einzigen Erstliga-Regisseure, die in dieser Spielzeit bei Schirmer inszeniert haben, haben die Hauptrollen mit Gästen besetzt.
Auch die Regisseursbindung ans Haus scheint Schwierigkeiten zu bereiten. Bei einem Simon-Stephens-Stück drängt sich natürlich die Frage auf, was eigentlich aus der Verbindung zwischen Schauspielhaus und Sebastian Nübling geworden ist. Der Regisseur, der interessanterweise gerade in Essen mit den Proben an einem anderen Stephens-Stück beschäftigt ist, sollte mal in die Leitung des Hauses eingebunden werden. In dieser Saison taucht er gar nicht mehr auf. Nübling sagt dazu nur, die "Teambildung" habe sich bei den Verhandlungen als schwierig erwiesen, er habe sich aber vor allem aus privaten Gründen gegen einen Umzug nach Hamburg entschieden. Im übrigen finde er es gut, "dass Schirmer die Sache wieder selbst in die Hand genommen hat".
Schirmer scheint dabei nicht immer ein glückliches Händchen zu haben. Beim Blick nach vorn taucht gleich die nächste Komplikation auf: Im April hat Brechts "Dreigroschenoper" Premiere. Eigentlich sollte hier Markus Bothe Regie führen. Man habe sich frühzeitig wieder getrennt, weil Bothes Bühnenbildkonzept "nicht realisierbar" gewesen sei, sagt der Pressesprecher des Schauspielhauses und erklärt die Sache zum "ganz normalen Vorgang". Jetzt inszeniert Jarg Pataki.
Wir bleiben dran. Sobald es Neues gibt - und das kann hier nur Gutes sein -, werden wir uns euphorisch an den Schreibtisch setzen und berichten.
Deutsches Schauspielhaus Hamburg: 20. und 26. März. www.schauspielhaus.de