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Theater

09. Februar 2015

Theater Heidelberg: Der Gesang der Koffer

 Von Hans-Klaus Jungheinrich
„Abends am Fluss“ mit Irina Simmes und Tomas Möwes.  Foto: Annemone Taake

Geburtshelfer Peter Konwitschny mit einer Johannes-Harneit-Doppeloper in Heidelberg: "Abends am Fluss" taucht ein in die deutsche Geschichte. "Hochwasser" ist ein enormer Spaß mit zwei Koffern, die auch einmal etwas in Bewegung kommen wollen.

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Ein Abend mit zwei Opern des 52-jährigen Komponisten Johannes Harneit brachte die Gelegenheit, die beiden Theaterräume des Heidelberger Theaters zugleich zu benutzen: den vor anderthalb Jahren gebauten Marguerre-Saal und das alte Rangtheater, die in L-Form zueinander angeordnet sind.

Die Beine des Buchstabens bedeuten die Auditorien, die Ecke stellt die rechteckig aneinander grenzenden Bühnen vor. Das Kunststück, diese multiplen Raumverhältnisse zu bespielen, vollbrachte der Inszenierungszauberer Peter Konwitschny, der ja reiche Erfahrung mit dem Durchbrechen der Grenzen zwischen Bühne und Publikum hat.

Konwitschny war auch die entscheidende „Hebamme“ bei der Geburt dieser Werke. Er erkannte die spezifischen Qualitäten der beiden Libretti des vor allem als Maler bekannten Gero Troike und legte sie dem Komponisten Harneit ans Herz. Schon vor einigen Jahren sollten die Vertonungen in Leipzig das Licht der Öffentlichkeit erblicken, aber ein Machtwechsel am dortigen Haus verhinderte das.

Resolut sprang Heidelberg ein und sicherte sich das nicht unschwierige Vorhaben, natürlich mit dem attraktiven Paten und Initiator Konwitschny als Dazukauf (sicher stimmt’s auch andersherum: die Opern als Mitbringsel für die Ehre, den prominenten Konwitschny erstmals in Heidelberg in Aktion zu erleben).

Ein gewichtiges Mitbringsel in der Tat: Zusammen ergeben „Abends am Fluss“ und „Hochwasser“ eine Spieldauer von fast vier Stunden, gut auszusitzen durch den Lokalwechsel und die doch recht unterschiedliche Faktur der thematisch („Wasser“) aufeinander bezogenen Stücke.

Zuerst ein zweistündiger Kreuzweg

Den härteren, knapp zweistündigen Kreuzweg bedeutet die erstgenannte Arbeit, die, ausgehend von dem mit Rosa Luxemburg assoziierten Satz „Ich war, ich bin, ich werde sein“ als eine sehr allgemeine und gewissermaßen zeitlose Meditation über den Zeitfluss aufgefasst werden könnte. Aber auch als eine Einladung, über unsre jüngere Geschichte nachzudenken. Den letzteren und „theatermäßigeren“ Ansatz wählte Konwitschny und machte aus der Oper fast politisches Theater, auch mit allerlei Verweisen auf Ost-West-Zeitgeschichte (analog zu den verschiedenen deutschen Herkünften der Autoren). Es entstand ein vielfarbiges, unterhaltsames Panorama, das, beginnend etwa beim fatalen Datum 1914, viel deutsches Erinnerungsmaterial heraufholte, in den aktuelleren Passagen dann auch bei lustvoll-kritischem Herumschäkern mit den einschlägigen Zeichen der Warenwelt hantierte.

Die bühnentechnischen Möglichkeiten wurden souverän ausgeschöpft, selbstverständlich auch das gegenläufige Sich-Heben und Sich-Senken vorderer und hinterer Bühnenteile (lapidare Ausstattung: Helmut Brade), die Suggestion des schaukelnden Zeit-„Flusses“ besorgend. Imponierender Personalaufwand: ein Kinderchor, dem seine lautstarke Beteiligung merklich Vergnügen machte, und ein mit bedeutendem Anteil beschäftigter Opernchor, der manchmal auch so etwas wie eine ferne Ahnung von revolutionärer Massenenergie verbreitete.

Alles weit weg von Pathos. Revolution, anno domini oder diaboli 2015 glatt eine Schimäre. Die etwas angestrengt wirkende vokale Expressivität der Solistenpartien beeinträchtigte die darstellerische Lebendigkeit nicht: Angus Wood als Mann, Thomas Möwes als Greis, Irina Simmes als Frau mit Rosa-Luxemburg-Frisur. Der wohl breiter intendierte Humor kam am ehesten in der grotesken Partie des Hundes (Namwon Huh) zum Zuge.

Dann ein absurdistanischer Spaß

Wirklich lustig ging es dann aber im 70-minütigen „Hochwasser“-Stück zu, und hier wurde, anders als im andern, mit weiterhin minimalistischem Textmaterial eine durchaus zusammenhängende Geschichte erzählt, wenn auch eine absurdistanische: Zwei in einem Keller abgestellte Koffer warten auf Hochwasser, um endlich wenigstens mal wieder ein bisschen in Bewegung zu kommen.

Das wird natürlich zum wunderbar clownesken Blöd- und Tiefsinn, leise in Beckett-Tinte getunkt, und Regisseur Konwitschny schafft im kleinen, mit Publikum (und Choristen) prall gefüllten alten Theater das Wunder, trotz nahezu inexistenter Spielfläche ein kurzweiliges Theaterfeuerwerk abzubrennen, mit der überraschenden Öffnung der Marguerre-Bühne als effektvoll „transzendierendem“ Höhepunkt.

Im Vordergrund stand freilich stets das komische Kammerspiel der singenden Koffer, personalisiert mithilfe einer tiefen und einer höheren Männerstimme: Wilfried Staber und Ipca Ramanoviv, zwei auch als hochvirtuose Darsteller durch die volle Raumtiefe flitzende und unentwegt mit dem Publikum kommunizierende Darsteller.

Johannes Harneits Musik, in „Abends am Fluss“ noch recht pauschal eloquent, ohne beredt zu sein – will sagen, dass bei größter Mühelosigkeit der Diktion ein klangliches Eigenprofil schwerlich zustande kommt und immer der Eindruck „gekonnter“ Bühnenbegleitung bleibt –, ist im zweiten Stück viel ausgeprägter, witziger und origineller.

Hier wird auch nicht mehrorchestral geklotzt, sondern kammermusikalische Feinmechanik geboten mit zwei im Vierteltonabstand gestimmten, also apart „schräg“ klingenden Klavieren und einem auch zu theatralischem Schabernack aufgelegten kleinen Instrumentarium. Der Komponist hat selbst dirigiert.

Der ganze Abend: ein gewaltiger Kraftakt des mit Vorliebe im Unbequemen sich ergehenden Heidelberger Opernteams. Es passte, dass gerade im Rahmen dieser Premiere seine öffentliche Ehrung durch den Preis der Theaterverlage auf der Bühne stattfand. Eine Respekt-Insel im Zeitfluss der Harneit- und Konwitschny-Turbulenzen.

Theater Heidelberg: 13., 20., 28. Februar, 3., 22. März. www.theaterheidelberg.de

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