Theater

18. November 2012

Theater: Ich habe genug

 Von Dirk Pilz
Auch diese Welt ist aus den Fugen: Regine Zimmermann (l.), Diane Gemsch und Peter Kurth. 

Armin Petras inszeniert am Maxim-Gorki-Theater Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“.

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Berlin –  

Zuweilen sind die Zeiten danach, dass es einfacher scheint, verrückt zu sein, wenn man es nicht schon ist. Es braucht ohnehin nicht viel, und was es braucht, sagt seit jeher mehr über die Zeiten als über jene, die sich unter die Verrückten schlagen. Überhaupt weiß ja niemand, wer auf welche Seite gehört.

An diesem Abend liegt ein stämmiger Mann mit nacktem Oberkörper rücklings auf einem mit Gabeln dicht bestücktem Tisch. Ein Mensch bettet sich auf eine Gabelspitzenschmerzenstätte: Das klingt verrücktheitsverdächtig. Gewöhnlich liegen die Menschen bequemer, doch für diesen Mann scheint dies der beste Ruheort. Zwei Menschen hat er zerhackt, nun liegt er stumm. Erschöpft vermutlich, erleichtert vielleicht. Danach kommt nichts mehr: Licht aus, Dunkelheit an.

Armin Petras hat Gerhart Hauptmanns frühe, 1888 erschienene Erzählung „Bahnwärter Thiel“ inszeniert; und der da auf Gabelspitzen liegt, ist Peter Kurth, Petras’ Bahnwärter des Abends. Ein zwar sonderbarer, doch allzu begreiflicher Mann, den Hauptmann am Ende seiner „novellistischen Studie aus dem märkischen Kieferhorst“ schlichtweg zum Irrsinnigen erklärt. Zwei Jahre war dieser Thiel – „ein „kindgutes, nachgiebiges Wesen“ voll „unverwüstlichem Phlegma“ – mit Minna verheiratet. Sie gebar einen Sohn, Tobias, und starb. Ein Jahr darauf ehelicht er Lene, auch sie gebiert ein Kind und überlebt. Drei Dinge hat Thiel mit seiner Frau in Kauf genommen: „Eine harte, herrschsüchtige Gemütsart, Zanksucht und brutale Leidenschaftlichkeit“. Ihr Gesicht, weiß Hauptmanns Erzähler, war „ganz so grob geschnitten wie das seine, nur dass ihm im Gegensatz zu dem des Wärters die Seele abging“.

Von Irrsinn keine Rede

Die Seele macht den Unterschied, an diesem Abend im Maxim-Gorki-Theater besonders. Denn Petras hält sich zwar an die vorgegebene Handlung, erzählt davon, wie Thiel in schlimm sexuelle Abhängigkeit von seiner zweiten Frau gerät und Tobias von ihr misshandelt wird, erzählt vor allem, wie Tobias unter die Räder eines Zuges gerät, stirbt und Thiel seine Frau mitsamt ihrem Kind zerhackt. Aber von Irrsinn ist bei Petras keine Rede. Vollkommen logisch, ja unausweichlich erscheint es dem Zuschauer nach knapp zwei Stunden vielmehr, dass dieser Thiel zum Gabelspitzenschmerzensmann wird – der Unterschied, den eine Seele macht, ist auch der Unterschied zwischen Hauptmann und Petras.

Denn dem kalten, protokollarischen Erzählton Hauptmanns schleudert Petras heißgekochte Bilder entgegen. Während der Text auf den Gleisen eines unbarmherzigen Naturalismus die harte Unglückslogik abfährt, begibt sich Petras in die Nebel- und Nachtgebiete des Thielschen Seelenlebens. Auf einen Lichttisch werden Blätterwerk und Blut geträufelt und als Schlimmbilder auf die Leinwand projiziert. Märchenmonster und Fabelwesen huschen als Schattenspielwesen vorüber, viel wird mit Dreck geworfen, viel auch im Dreck gesuhlt. Die Reise ins Seeleninnen führt in lauter verschattete Dreck- und Düsterniswinkel. Der Bahnwärter Thiel ist hier einer, der sein Phlegma als Maske trägt; dahinter, darunter siedet es gewaltig. Ein Mann, der sich in Explosion befindet. Ein Vulkan, dampfend, brodelnd, unberechenbar.

Peter Kurth ist ein hervorragender Vulkanspieler. Er baut sich im hellen Bühnenrahmen an der Rampe auf und stemmt die Sätze heraus, als seien sie zum Holzhacken geschaffen. Die Augen glühen, die Silben vibrieren. Er kann sich aber auch hinters Mikrofon stellen und seinem Tobias, der nicht auf der Bühne, aber in unserer Phantasie auftritt, Vogelstimmen vormachen. Die Lerche, der Eichelhäher. Schön sind Vulkane, die ruhen. Oder er singt, die Kirchenkantate „Ich habe genug“ von Bach. Peter Kurth ist kein guter Kantatensänger, aber sein Thiel singt hier, weil er sich anders nicht zu helfen weiß: „Ich freue mich auf meinen Tod, /Ach, hätt’ er sich schon eingefunden. / Da entkomm ich aller Not, / Die mich noch auf der Welt gebunden.“

Ein Weibsdoppel aus brutaler Leidenschaft

Die Welt des Thiel ist vor allem ein Weibsdoppel aus brutaler Leidenschaft. Regine Zimmermann und die Tänzerin Diane Gemsch turnen an Stripstangen, suhlen im Dreck, bespringen den Bahnwärter. Zimmermann bellt, Gemsch kreischt. Solcher Not kann man nur entfliehen wollen.
Ja, es gibt auch peinlich aufdringliche, hemmungslos unzweideutige Szenen an diesem Abend. Die Reise in die Seele führt mitunter in die Glitschgebiete verramschter Innenlebenbilder. Mit Grund jedoch: Man hat es mit einer Inszenierung aus Notwehr zu tun. Armin Petras will sich offenkundig mit dem Hauptmannschen Schreckensbericht nicht abfinden, stürzt deshalb seine Figuren ins Seelensiedebecken, lässt sie von Bildern überrennen, bringt jede Szene zum Überkochen, um ins Bild zu holen, was derlei Schrecken in Menschen anrichtet. In dieser Bühnenseelenwelt verliert alles Gerede von Irrsinn jedenfalls seinen Sinn. Wenn von Tobias’ Tod die Rede ist, senkt sich der Bühnenrahmen zur Seite: Die Welt ist aus den Fugen.

Das ist nicht ungewöhnlich für das Theater- und Weltverständnis von Armin Petras. Heißherzig, empörungsselig sind seine Abend immer. Zumeist aber klinkt er die Figuren in gesellschaftliche Kontexte ein. Petras ist kritischer Materialist, er setzt alle Not und Ungerechtigkeit dieser Welt stets den Umständen auf die Rechnung. Diesmal aber dreht er den Inszenierungsspieß um – und bohrt tief im Seelenfleisch seiner Hauptfigur. Und siehe da, er findet keine Gründe, die Verrückten verrückt zu nennen.

Bahnwärter Thiel 21., 29.11., Maxim-Gorki-Theater, K.: 030 - 20 221 115

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