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Theater in Bonn: Zumutungen der Freiheit

Richard Maxwell ist ein Außenseiter in der Theater-Avantgarde New Yorks; er lässt sich auf keine Kompromisse ein. Auch nicht bei seinem Stück "Das Mädchen", das nun in Bonn gezeigt wurde. Von Stefan Keim

Der Text gibt den Breiten- und Längengrad an. Genauer lässt sich der Ort einer Handlung nicht bestimmen. Ebenso präzise, hyperrealistisch geht es zunächst weiter im Theaterstück "Das Mädchen" von Richard Maxwell, das eigentlich eine poetische impressionistische Kurzgeschichte ist.

Die Sätze werden auf den hellen Hintergrund der leeren Bühne projiziert, die Zuschauer haben viel zu lesen in dieser Aufführung. Davor stehen die Schauspieler, drei vom Theater Bonn und ein Quartett der New York City Players, deren künstlerischer Leiter Maxwell ist. Erst sind nur ihre Umrisse sichtbar, sie bilden eine Körperlandschaft.

In den ersten 45 Minuten der Aufführung spricht niemand. Zu den wechselnden Textprojektionen legen sich die Akteure auf die Bühne, berühren sich, scheinen Wärme und Nähe zu suchen, lösen sich wieder. Die Choreographie bleibt abstrakt und entsteht jeden Abend neu. Mit der fragmentarischen Geschichte haben die Bewegungen nur manchmal zu tun. Maxwell will nicht illustrieren und schon gar nicht manipulieren. Deshalb gibt es diesmal im Gegensatz zu seinen früheren Produktionen keine Musik. Der Zuschauer soll seine eigenen Gedanken und Gefühle entwickeln, die Zumutungen der Freiheit aushalten.

Ein Mann hat im Krieg gekämpft, seine Frau fühlte sich einsam und hat ihn verlassen. Er konzentriert seine Liebe auf die Tochter, erlebt, wie sie aufwächst, Verehrer hat und schließlich das Haus verlässt. Es geht um den Trennungsschmerz, tiefes Empfinden füreinander, die Wahrnehmung der Natur, den Fluss des Lebens. Früher hat Richard Maxwell oft ironisch mit amerikanischen Mythen gespielt, wie in seinem skurrilen Bühnenwestern "Ode to the man who kneels".

Diesmal ist es ihm ernst, in einem der vielen selbstreflexiven Momente des Textes bezeichnet er diese Entwicklung als Zeichen der Reife. Bewahrt hat er sich eine große Ruhe, mehr sogar, eine Stille, die den ersten Teil der Aufführung bestimmt. Wenn zum ersten Mal einer spricht, wirkt das fast wie ein Tabubruch.

Selbst in der New Yorker Avantgardeszene ist Richard Maxwell ein Außenseiter. Mit traditionellem Theaterverständnis haben seine Aufführungen nichts zu tun, Er ist ein Purist, der sogar seinen eigenen Stil unterläuft, bevor er zum Markenzeichen degeneriert. Der Schritt zum choreographischen Theater ist neu für ihn, bisher standen seine Schauspieler meist bewegungslos auf der Bühne. Das ist diesmal nur im zweiten Teil so, bevor die Körper wieder zu Schatten werden und ein Mono-Epilog den Abend beschließt.

Bonn-Beuel, Schauspielhalle, 20., 21. März. www.theater.bonn.deHamburg, Kampnagel, 24., 25., 26., 27. März. www.kampnagel.de

Autor:  Stefan Keim
Datum:  20 | 3 | 2010
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