Theater

21. Oktober 2012

Theater: In der Haut von Empedokles

 Von Ulrich Seidler
Mit „Die Zeit schlägt dich tot“ feiert Fabian Hinrichs bei Foreign Affairs sein Regiedebüt. Foto: Berliner Festspiele / William Minke

„Die Zeit schlägt dich tot“ − Fabian Hinrichs debütiert als Eigenregisseur beim Foreign-Affairs-Festival im großen Saal des Berliner Festspielhauses.

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Dass es Fabian Hinrichs ernst ist, daran tut auch sein Lächeln keinen Abbruch − im Gegenteil, es hilft. Ab und zu scheint es ihn zu überkommen, wenn er ein zugeneigtes Gesicht im Publikum entdeckt. Oder wenn er sich freut, dass ihm der Text wieder eingefallen ist. Vielleicht muss er doch ab und zu auch einmal darüber lächeln, was er da gerade Seltsames anstellt beim Foreign-Affairs-Festival im großen Saal des Berliner Festspielhauses mit einer Rockband auf Rollrasen sowie mit Krocketspiel, transportabler Fichtennadelduft-Sitzsauna und aufgeblasenem Hüpfeball, auf dem „Ich“ geschrieben steht. Ja, was veranstaltet der Schauspieler und ehemalige Jurastudent, 1976 in Hamburg als Sohn eines Polizisten geboren, da eigentlich mit uns?

Mehr als nackt, scheinbar gehäutet (im anatomischen Muskelmann-Catsuit) schaukelt er herein, beschwört die Geister einer Handvoll von uns gegangener Schauspieler und skandiert dann Silbe für Silbe die Worte, die der vorsokratische Philosoph Empedokles am Rand des Ätna-Kraters sprach, bevor er der Legende nach hinabsprang, Worte, die Friedrich Hölderlin dichtete und ihm in den Mund legte: „Hinab hinab ihr klagenden Gedanken!/ Sorgfältig Herz! ich brauche nun dich nimmer./ Und hier ist kein Bedenken mehr.“ Erhaben über die Herkömmlichkeit des Lebens, über die Verrichtungen, Bindungen und Gewohnheiten des Alltags, fühlt sich der Denkheld frei von allen Traditionen und im Bund mit einer höheren Natur. Den Mitmenschen fehlt es für solche Ansprüche freilich an Reife und vielleicht auch einfach an Kapazitäten. Deshalb − wir kürzen das mal ab − der Freitod, die Erfüllung der alten, nun wieder aufdämmernden Liebe zur allduldenden Natur: „Und wenn die Woge wächst, und ihren Arm/ Die Mutter um mich breitet, o was möcht/ Ich auch, was möcht ich fürchten.“

Wir sind alle fertig!

Hinrichs, als Bühnenkraft erprobt unter anderem bei Castorf, Schlingensief und Pollesch, spricht in seinem Regiedebüt nicht einfach, sondern er schmiedet die Worte wie Raumsonden. Er entnimmt sie dem Schmelzofen seines Hitzkopfs, formt sie mit allen dafür zur Verfügung stehenden Sprechwerkzeugen. Dann betankt er sie großzügig mit seiner Stimme und setzt sie auf eine sichere Flugbahn, auf dass sie nicht gleich abstürzen, wenn man sie mit den Schwergewichten der Bedeutung befrachtet. Und wenn der Hölderlin-Text gesprochen ist, geht es mit eigenem weiter − mit einem Bekenntnis, einer Klage, einem ausformulierten Schmerzensschrei, einem Fluch, einer Huldigung, einer Gospelpredigt oder was auch immer. Kaum zu sagen, was ihn eigentlich umtreibt. „Ich habe Probleme, ich habe moderne Probleme“, ruft er einmal und lächelt zum Glück just jenes freundlich-zugewandte, fast schon romantisch private Lächeln.

Es bremst seinen Furor freilich nur kurz. Er will was Neues. Er will ein neues Berlin errichten in den Wolken, auf dass es Tränen regne, wenn es mit dem Berlin hier unten verbunden ist. Dieses Berlin hier unten ist nämlich kein Ort zum Leben. Es stinkt nach Pommes, Jodoform und Angst, und dickliche, grünliche Kinder mit Ausschlag schlafen in ihren Kinderwagen und atmen das Gasgemisch ein. Lauter Skandale! Millionen Menschen in Millionen Wohnungen, eingemauert in Särge aus Glas, Stahl und Beton. Jeder schleppt seine subjektive Welt mit! Auf jeden muss man anders reagieren! Das verbraucht jedes mal Bewusstsein! Wir sind Unterschiedswesen! Wir versuchen, uns zu behaupten gegen die übermächtige Technik! Es gibt keine Ideen mehr, nur noch Verbindungen von Zitaten! Wir sind alle fertig!

"Do it!"

Erst hebt er mit uns ab: „Geh aus dem Weg, Mond, geht aus dem Weg, Sterne, heute fliegen wir nicht nach Düsseldorf, heute fliegen wir an einen Ort, wo unser Schmerz nicht ist.“ Und dann kommt er zu uns herunter „auf die Straße“. Er berührt ein paar Zuschauer sachte, umarmt einen Herrn mit Brille in Reihe drei und fordert uns auf, uns dem Sitznachbarn zuzuwenden und ihm zu sagen, dass er gut aussehe. „Do it!“

Richtigen Alarm gibt es, wenn Hinrichs wie angestachelt im Rasenkreis herumwütet und die Band einsteigt, konzeptrockig, krachend, psychedelisch (Musik: Jakob Ilja von Element of Crime): ein beschwörender Ein-Ton-Verzweiflungsschreigesang. Und dann geht das Licht aus und ein glühender Galgenstrick senkt sich herab.

Das ist aber nicht das Ende. „Noch sind Funken in diesem dunklen Hohlraum.“ Also: Licht wieder an. Es wird noch mal gerockt, dann winkt Fabian Hinrichs, und die Zuschauer winken zurück, bevor sie ihm ganz unfanatisch und gelöst beim Schlussapplaus zujubeln. Er nimmt es mit jenem Lächeln.

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