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Theater in Kassel: Wenn Menschen wie Städte verdorren

Stücke über schrumpfende Städte und illegale Einwanderer: Die neuen Arbeiten von Katja Hensel und Dea Loher in Kassel sind Streifzüge durch die moderne Gesellschaft. Von Joachim F. Tornau

Knöcheltief im Wasser: Agnes Mann in Unschuld.
Knöcheltief im Wasser: Agnes Mann in "Unschuld".

Ein Theaterstück über den demografischen Wandel? Na, das klingt ja aufregend. Ungefähr so wie, sagen wir mal, eine Komödie über die EU-Verfassung. Genau, findet Katja Hensel und meint das überhaupt nicht ironisch. Mit "Wie Europa gelingt" hat die Berliner Schauspielerin und Autorin bereits den Reformprozess der EU als Familientherapie auf die Bühne gebracht.

Jetzt wurde am Kasseler Staatstheater ihre Auseinandersetzung mit sterbenden Städten und verlassenen Landstrichen uraufgeführt: "Ins Weite Schrumpfen" ist eine wortgewitzte, streckenweise surreale Tragikomödie, in der nicht nur Städte ausdörren, sondern auch menschliche Beziehungen. Annett Hohlfeld hat das Stück auf der Studiobühne inszeniert. Robert ist Journalist und befasst sich mit dem Phänomen verödender Vorstädte und uniform aufgehübschter City-Zentren. Das Thema nimmt ihn so gefangen, dass für ihn plötzlich alles schrumpelt. Auch er selbst: Robert versinkt in Depressionen, sieht widerstandslos zu, wie seine Beziehung zu Anka scheitert, verzweifelt an der Oberflächlichkeit der Welt - und seiner eigenen.

Früher", wirft ihm Anka vor, "warst du für so vieles offen, heute verkriechst du dich im Schrumpfen, dass dich niemand mehr findet!" Mit Doppelsinnigkeiten dieser Art spielt das Stück immer wieder. Ob Bäuche im Fitnessstudio oder Entfernungen zwischen Ländern und Kontinenten, ob Städte oder Seelen - alles schrumpft. Das ist mitunter zwar arg assoziativ, aber amüsant.

Zwei weiße Regalwände, die als leerstehende Plattenbauten ebenso taugen wie als Quell für Operationstische und Fitnessstudiotresen, begrenzen die bonbonbunt ausgelegte Bühne (Ausstattung: Larissa Hartmann). Hell, freundlich, abwaschbar. Der zweifelnde Robert (Hans-Werner Leupelt) fühlt sich hier immer weniger zuhause. Hensels Gespür für Sprache, für erhellende Missverständnisse geben dem schweren Stoff eine erstaunliche Leichtigkeit. Eigentlich ist die Apokalypse längst da, es merkt nur keiner.

Wände aus Kleidern bis zur Decke

Das sieht in Martin Schulzes Inszenierung von Dea Lohers "Unschuld" im Großen Haus ganz anders aus. Knöcheltief steht das Wasser auf der von Daniel Roskamp spektakulär düster gestalteten Bühne. Wände aus Kleidern ragen bis zur Decke, verschlucken die Figuren, die geistergleich durch diese ewige Nacht spuken, und spucken sie wieder aus. Hier sind nicht bloß die beiden illegalen Einwanderer Elisio und Fadoul, die es gerade an Land gespült hat, Gestrandete. Doch nur sie wehren sich dagegen, nur sie glauben noch an ein menschliches Miteinander: Der nachdenkliche Elisio (Daniel Scholz) leidet darunter, eine Selbstmörderin nicht gerettet zu haben. Der ungeschlacht-hilflose Fadoul (Enrique Keil) möchte eine gefundene Tüte voller Geld nutzen, um Gutes zu tun: "Gott ist in der Tüte!"

Alle anderen klammern sich an Hoffnungen, die so klein sind, dass sie ihre Hoffnungslosigkeit nur unterstreichen. "Wenn ich ein Tankwart wäre", sagt die diabeteskranke Frau Zucker (wundervoll miesepetrig: Eva-Maria Keller), "dann genügte eine Zigarette, um alles in die Luft zu jagen." Tristesse und - trotz allem - Komik: Gekonnt verleiht Regisseur Schulze den Loher´schen Erkundungen mit seiner bildgewaltigen Inszenierung Zusammenhalt.

Auch wenn "Unschuld" eigentlich ähnliche Abgründe auslotet wie "Ins Weite Schrumpfen", haben die beiden Aufführungen kaum etwas miteinander gemein. Ein spannender Kontrast.

Staatstheater Kassel: "Ins Weite ..." am 23., 28. Januar, 6., 19. Februar. "Unschuld" am 23., 28. Januar, 6., 19., 27. Februar. www.staatstheater-kassel.de

Autor:  Joachim F. Tornau
Datum:  23 | 1 | 2010
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