Theater

02. November 2012

Theater: Kühne Künstler

 Von Ulrich Seidler, Dirk Pilz und Doris Meierhenrich
Die neue Intendantin des HAU, Annemie Vanackere.  Foto: dpa

Unter der Leitung von Annemie Vanackere wurde das Hau-Theater neu eröffnet. Drei Eindrücke aus dem Bühnentrubel.

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Berliner können sehr empfindlich sein. Zum Beispiel halten sie es nicht immer gut aus, wenn man nett zu ihnen ist. Und nun dies: Mit einer ans Penetrante grenzenden Charmeoffensive wurde das von Matthias Lilienthal neun Jahre nach der Gründung an die Belgierin Annemie Vanackere weitergegebene Theaterkombinat Hebbel am Ufer (Hau) wiedereröffnet.

Die drei Häuser wurden mit Lottomitteln saniert, Bühnen- und Lichttechnik erneuert. Auf den ersten Blick fällt auf, dass viele, farblich am grellen 1980er-Jahre-Eisdielenschick orientierte Leuchtkörper angebracht wurden. Ganz nett, aber aushaltbar. Auch die Eröffnungszeremonie mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (lila Halstuch) und der neuen Hau-Meisterin (herbstlich-rostbraunes, raffiniert gefälteltes Plissee-Kleid) konnte man in ihrer amtlichen Nettigkeit weitgehend schadlos über sich ergehen lassen.

Was aber dann im Hau 2 die niederländische Schauspieler- und Musikergruppe Wunderbaum mit dem Publikum anstellte, das war ja fast schon harmonisch: diese Zuvorkommenheit, diese gute Laune, dieses Sichverschenken, diese selbstverständliche Kunstvormacherei!

Mit dem vom Hauptstadtkulturfonds finanzierten Eröffnungsrevue-Auftrag in der Tasche machten sich die Künstler mit der Videokamera auf den Weg durch Berlin und fragten Leute danach, was sie gern im Theater sehen wollten.

Da wären als Antworten: Ein Spinett, etwas Sozialkritik, eine Unterwasserwelt, eine schöne Schauspielerin, die die österreichische Nationalhymne singt, etwas über Gentrifizierung, König der Löwen und vieles mehr.

Sylvia Vögele-Kopp aus Oberschwaben, eine der Interviewten, visionierte gleich eine Art Bauhausballetts zusammen: Formen, Farben, Gesichter, Körper, Dynamik, Interaktivität... „Jo“, sagt sie auf der Leinwand, „des tät mir gfalle! Da würd i mitmache.“ Gesagt, getan: Die Spieler richten ein Farb- und Musik-Durcheinander an, zwei ziehen sich aus, einer kommt als geheimnisvolle Kröte an die Rampe, und mitten hinein ins Gewimmel begibt sich die leibhaftige Frau Vögele-Kopp: „I find’s eifach schpannend, hier in Berlin.“

Fast jeder Wunsch wurde also irgendwie erfüllt oder besser: zur Vorlage für eine Nummer hergenommen. Sie bilden zusammen einen Reigen der kunstfertigen Harmlosigkeit. Ist das Hau jetzt ein seelischer Dienstleistungsbetrieb? Ulrich Seidler

Es gibt keine behinderungsfreie Kunst

Oder wird das Hau Menschenerforschungsstätte und Lobraum der unerforschlichen Künste? Der französische Theatertanzerfinder Jérôme Bel hat ins Hau 1 seine Tourneeproduktion „Disabled Theater“ mitgebracht. Das Theater ist hier wie jedes Theater ist, nur dass es nicht versteckt wird, nämlich Theater mit Behinderung.

Es gibt ja keine behinderungs-, also reibungs- und konfliktfreie Kunst. Das Handicap als Kunstkapital: ein sehr alter Hut. So seelenflügelhaft erheiternd aber, so ergreifend und überhaupt so ganz und gar berückend, dass man fast wieder glauben möchte, es habe sich in dieser unserer schmutzigen Welt doch ein Fitzelchen Schönheit verborgen, ist Theater selten zu erleben. Anmut. Das ist es, was diesem Abend seinen Glanz verleiht.

Elf Schauspieler treten auf. Jeder ist anders, alle sind sie in liebreizende Grazie gehüllt. Zuckrig jedoch wirkt nichts; die Schönheit ist hier nicht von der klebrigen Sorte. Jérôme Bel und das Zürcher Theater Hora veranstalten ein Theater von Menschen mit Behinderung, mit Down-Syndrom oder Lernschwäche. Sie werden binnen neunzig Minuten vorgestellt.

Erst kommt jeder einzeln auf die Bühne, schweigt, schaut, tritt wieder ab. Dann sagen sie ihren Namen, das Alter, den Beruf. Freundlicherweise sitzt ein Dolmetscher am Rand, der vom Schwizerdütschen ins Hochdeutsche übersetzt. Danach werden Tanzsoli zu selbst gewählter Musik gezeigt.

Remo Beuggert hockt auf dem Stuhl und wackelt mit dem Kopf, Julia Häusermann knallt eine Michael-Jackson-Wutnummer hin, Peter Keller singt „Du bist mei Stern, i hob di so gern“. Sara Hess führt einen Technotuchtanz auf. Das alles ist dabei nicht nur liebreizend, sondern superklug gemacht, weil die heiklen Gefahren des Voyeurismus durch die Form des Vorspiels mitinszeniert sind – wenn einer tanzt, sitzen die anderen als Publikum auf der Bühne.

Das ergibt Theater mit Behinderung im Theater mit Behinderten. Und keine Spur von aufgesetzter Authentizität und falscher Betroffenheit. Zwischendurch schreiten alle zum Mikro an die Rampe und dürfen sagen, was sie über die Inszenierung denken. Damian Bright findet sie toll; seine Mutter meinte zwar, es sei eine Freak-Show, aber eine wundervolle. Dirk Pilz

Schwalben spielen anders

Weiter geht es im Hau 3 mit der Amsterdamer Truppe Schwalbe und ihrem Projekt „Schwalbe spielt falsch“. Aber nein, die Schwalben spielen nicht falsch, nur anders, nämlich gar kein Theater und dies sehr intensiv. Was aber spielen sie dann? Auf den ersten Blick sieht es aus wie Freizeitsport. Die Bühne ist ein Spielquadrat; wer es verlässt, scheidet aus. Es folgen drei bis vier seltsame Spielrunden, deren Ziele und Regeln vage bleiben. Gibt es überhaupt Regeln? Eins ist sicher, die acht sind in zwei Gruppen geteilt – eine trägt rote, eine blaue Klebestreifen –, die Kleidungsstücke voneinander ergattern und in Netze werfen müssen.

Zuerst nur die Socken, die noch freiwillig in die Mitte fliegen, dann werden einander Mützen vom Kopf und Binden von den Augen gezogen, wofür schon Strategien nötig sind. Zuletzt geht es um die Kleider selbst, die sie am Leib tragen. Verteidigungslinien bilden sich, zerfallen, Schwächen werden gnadenlos ausgenutzt, Angriffe brutaler, Stoffe zerfetzt.

Eine beginnt zu lachen, ein anderer stöhnt vor echter Erschöpfung. Warum sich ein Gegner in einen anderen festbeißt, hat manchmal keinen Grund, dann wieder folgt jede Handlung purer Erfolgsstrategie. Aus dem unvorhersehbaren Spiel wird Kampf – Überlebenskampf. Und der physisch rohe, metaphorisch hoch subtile Live Act entblößt eine Spielergesellschaft, die zu Spielen längst verlernt hat. Doris Meierhenrich

Das aktuelle Programm finden Sie hier.

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