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Theater: Ordentlich Dampf im Kessel

Armin Petras wird 2013 Intendant am Stuttgarter Staatsschauspiel. Was erwartet ihn? Auf alle Fälle ein frisch saniertes Haus und ein nicht mehr all zu junges Publikum.

Armin Petras, der neue Intendant des Schaupiels am Staatstheater Stuttgart.
Armin Petras, der neue Intendant des Schaupiels am Staatstheater Stuttgart.
Foto: dpa

Man hört es noch heute. Das Luftschnappen. Dieses Aufatmen, als Hasko Weber im Oktober 2005 seine Intendanz am Stuttgarter Staatsschauspiel mit sechs Produktionen einläutet. Schon während der Premiere von Lars von Triers „Dogville“ unter der Regie von Volker Lösch verlassen die ersten wutschaubend und türenschlagend das Parkett, was für hiesige Verhältnisse zu jener Zeit unerhört ist. Die anderen sind begeistert, seltsam erregt, sogar die, die mit dem antipsychologischen Stil des neuen Hausregisseurs nichts anfangen können. „Endlich wieder politisches Theater“, tönt es damals im Foyer des Kleinen Hauses. Eine frische Brise mitten im versmogten Talkessel.

Am vergangenen Wochenende, gut sechs Jahre nach der furiosen Reanimation, spürt man bei den letzten beiden Premieren an der Übergangsstätte in der Türlenstraße: Die Luft ist wieder raus. Draußen. Oder besser: noch immer draußen. Alles ist draußen – und bald auch unten. Stuttgart 21 bewegt die Massen, aber nicht so wie es sich die Gegner des Jahrhundertprojektles gewünscht haben. Das Quorum ist verfehlt, die einen feiern, die anderen brennen bei der Kundgebung vor dem Hauptbahnhof Wunderkerzen der Trauer ab. Bei einer Volksabstimmung spricht sich eine klare Mehrheit der Baden-Württemberger dafür aus, den Bahnhof der Landeshauptstadt unter die Erde zu verlegen.

Die Bürgerschaft ist politisiert, der Streit hat die Menschen elektrisiert – und spätestens seit dem unseligen 30. September 2010 entzweit, als die nervöse Staatsmacht brutal gegen demonstrierende Schüler vorging. Solch eine Stimmung ist ein Auftrag, eine Chance für jedes Stadttheater. Hasko Weber weiß das, er kennt aber auch die Gefahren. Gleichgültig welches Stück man auf den Spielplan setzt, alles kann Zeichen sein, kann subversiv gedeutet oder absichtlich missverstanden werden. Die Kunst gerät leicht zwischen die Fronten. Sogar in der jüngsten Premiere von Shakespeares „Maß für Maß“, die der Regisseur Christian Weise als wahrlich unpolitische Klamotte auf die Bühne bringt, wollen einige in Angelos gezückter Motorsäge eine Metapher für das gestörte Verhältnis von Staat und Bürger im Ländle erkennen. Eine Motorsäge erinnert augenblicklich an das Schicksal der Bäume im Schlossgarten, die den neuen Tiefbahnhof stören. Anderswo stehen Motorsägen immer noch für Thrash und Splatter.

Peymanns Spuren

Doch Stuttgart 21 ist und bleibt die Begleitmusik der Weberschen Intendanz, die früh Position bezieht, lange bevor das Bahnprojekt bundesweit Schlagzeilen macht. Volker Lösch inszeniert bereits 2006 seinen „Faust 21“ gemeinsam mit Stuttgarter Bürgern, ein Stück über die Gigantomanie wirtschaftlicher Großprojekte und Fausts Sehnsucht nach zubetonierter Unsterblichkeit. Im selben Jahr wird das Stuttgarter Schauspiel zum „Theater des Jahres“ gewählt und mit „Platonow“ in der Regie von Karin Henkel zum Theatertreffen eingeladen. Es ist schon lange her.

Und dennoch: Hasko Weber hat die Tradition des politischen Theaters in Stuttgart wiederbelebt, die Geschichte weitererzählt, die einst die Intendanten Peter Palitzsch und Claus Peymann geschrieben haben. Noch heute trifft man reife Menschen, die sich zärtlich „Peymanns Kinder“ nennen, bei einem guten Viertele wehmütig werden, wenn sie auf seine Jahre als Schauspielchef angesprochen werden.

Fragt man nach Peymann, der 1977 auf Grund einer Spende für inhaftierte Mitglieder der RAF unter CDU-Beschuss gerät und 1979 nach Bochum geht, bekommt man sofort als Antwort: Kirchner, Dene, Voss. Nicht zu vergessen: Peymanns „Käthchen“! Peymanns „Faust“! Seine großartigen Schauspieler, sein kreativer Ungehorsam. Gleichgültig, wie heftig man in Berlin und sonstwo über Peymanns Marotten lästert, in Stuttgarts Pietistenhimmel thront er bis in alle Ewigkeit als Halbgott.

Der Schatten unter seiner Wolke aber ist lang und dunkel. Friedrich Schirmer, der zwölf Jahre lang vor Hasko Weber die Geschicke des Schauspiels bestimmt und so vieles bewegt und entdeckt hat, unter anderem Regietalente wie Martin Kusej, Stephan Kimmig oder Elmar Goerden, wird nicht aus ihm heraustreten. Erst „dem Hasko“, wie ihn manche aus der Peymannschen Brut liebevoll nennen, gelingt die Quadratur der Kreises: Engagiertes, rundum respektiertes und unterhaltsames Stadttheater zu machen.

Dass der 47-Jährige Harald Schmidt ins Ensemble holt, wird „dem Hasko“ nicht als Anbiederei ans Publikum angekreidet, im Gegenteil. Mit dem Fernsehentertainer, Feuilletonliebling und gebürtigen Schwaben – auch er bezeichnet sich als ein Kind Peymanns – lockt Weber regelmäßig Leute ins Theater, die ansonsten einen Bogen ums Staatsschauspiel machen. Dass Schmidt als Schauspieler eine mittlere Enttäuschung ist – Schwamm drüber.

Frisch saniert, mehr Geld

Hasko Weber ist ein guter, diplomatischer, engagierter, menschlicher, aber kein herausragender Intendant. Was vor allem daran liegen mag, dass er als inszenierender Schauspielchef angetreten und – gemessen an den früheren Arbeiten – gescheitert ist. Mit Ibsens „Brand“, der Geschichte eines fundamentalistischen Glaubenskriegers, gelingt Weber 2002 in Stuttgart ein unvergesslicher, preisgekrönter Wurf. Ein Jahr später überzeugt er mit einer glasklaren, schnörkellosen „Peer Gynt“-Inszenierung.

Doch seine asketische Formensprache aus jenen Jahren wird Weber nicht wiedererlangen, zu sehr fordert ihn die Leitung des Hauses, so scheint es zumindest. Allein die 24 Millionen Euro teure Sanierung des Schaupielhauses und der damit verbundene Umzug in die Ersatzspielstätte Arena binden Kräfte, die anderswo fehlen. Auch der Tod der künstlerischen Direktorin Eva Heldrich im Jahr 2007, die ein unbeirrbares Gespür für Stoffe, Themen und Autoren hatte, hinterließ eine ungeahnte Lücke, die niemand so recht zu füllen vermag.

Genau mit diesen Hoffnungen aber, der Sehnsucht nach einer Rückkehr ins überregionale Theaterbewusstsein, wird Armin Petras umgehen müssen, der 2013 Webers Nachfolge antritt. Was ihn erwartet? Ein frisch saniertes Haus, weitaus mehr Geld als im Gorki-Theater – und ein nicht ganz so junges Publikum, das einem Peymann nachtrauert, einen Weber schätzt und es politisch liebt. Ein bisschen Frischluft könnte es auch vertragen. Und wer weiß, wieviel Theatertaugliches bei der anstehenden Tieferlegung des Bahnhofs noch ans Tageslicht kommt.

Autor:  Tomo Mirko Pavlovic
Datum:  30 | 11 | 2011
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