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Theater

15. September 2009

Theater von der Westbank: "Ich bin von hier"

 Von Inge Günther
"Fragments of Palestine" heißt das Stück, mit dem die junge Truppe aus der Westbank auf Deutschlandtournee ist.Foto: Freedom Theatre

Juliano Mer Khamis ist Sohn einer jüdischen Mutter und eines palästinensischen Vaters. In seinem "Freedom Theatre" ist auch Platz für für Körperakrobatik, Psychodrama, Fotokurs und Filmstudio. Von Inge Günther

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Die Bühne vibriert. Füße stampfen, rhythmisch wie Trommeln, Energie setzt sich frei. Sieben palästinensische Jungs und zwei Mädchen tanzen Dabke. Den traditionellen Tanz für freudige Anlässe wie Hochzeiten und dergleichen. Ihre Körper stecken in weißen Trikotanzügen, die - wie die Mauer in der Westbank - bemalt sind mit schwarzer arabischer Graffiti. Die dunkle Realität Palästinas färbt ebenfalls bald auf das Bühnengeschehen ab. Die Hochzeit löst sich auf, verwandelt sich in Szenen eines Albtraums aus Enteignung, Besatzung, Widerstand und Gewalt. Ein Märtyrer weigert sich, beerdigt zu werden. Eine Frau wird von den gesellschaftlichen Zwängen buch- stäblich gefesselt.

Erzählt wird mit den Mitteln der Körpersprache. Die jungen Schauspieler haben das kurze und intensive Stück selbst erarbeitet, Fragmente ihrer Wirklichkeit, Fragmente Palästinas. "Ana min huna, wa huna ana", stimmen sie am Schluss an. Ein Schrei der Verzweiflung wie der Hoffnung. "Ich bin von hier, und hier bin ich."

Hier, das ist das Flüchtlingslager Dschenin. Hier, das ist Staub, Dreck und Armut. Über 16000 Menschen leben hier auf engstem Raum. Die Hälfte von ihnen Kinder und Jugendliche, die palästinensische No-Future-Generation. In der zweiten Intifada hat das Flüchtlingslager Dschenin eine Rekordzahl an Selbstmordattentätern hervorgebracht, ein Ort, an dem Hass und Militanz gedieh. Aber eben nicht nur. Auch das palästinensische Experimentiertheater ist hier entstanden. "The Freedom Theatre".

Seine außergewöhnliche Geschichte macht sich fest an seinem charismatischen Direktor. Juliano Mer Khamis, Sohn einer jüdisch-israelischen Mutter und eines palästinensischen Vaters. Was die Menschen auf der einen Seite über die auf der anderen sagen weiß er aus persönlicher Erfahrung. Mit Sprüchen wie "jahud dud" (Judenwurm) und "arab scharab" (räudiger Araber) ist er aufgewachsen. "Und ich war mittendrin", grinst Mer Khamis. In einer extremen Minderheitensituation, wenngleich geschützt durch die Prominenz seiner linksintellektuellen Eltern.

Mutter Arna Mer, wie der Vater Saliba Khamis eine Kommunistin, hatte in den späten achtziger Jahren dafür gesorgt, dass das Flüchtlingslager Dschenin zwei Kinderhäuser bekam. Sie wollte den Kids elementare Bildung und Kultur nahebringen. 1993 erhielt Arna Mer dafür den Alternativen Nobelpreis. Doch dann begann die zweite, die bewaffnete Intifada. Mit dem Kinderhaus war es vorbei. Einige der Jungen, die dort im Alter von zehn, zwölf Jahren Theater gespielt hatten, entschieden sich für den bewaffneten Kampf. Kaum einer hat das überlebt. Juliano Mer Khamis hat 2004 einen Dokumentarfilm darüber gemacht, "Arnas Kinder", der mehrfach ausgezeichnet wurde. Eine aufwühlende Arbeit, die nach dem Krebstod seiner Mutter in ihm den Entschluss reifen ließ, ein neues Dschenin-Projekt zu starten: "The Freedom Theatre".

Unter seinem Dach ist Platz für Körperakrobatik, Psychodrama, Fotokurs und Filmstudio, aber das Herzstück ist das Theater. Auf der Bühne treten meist Jugendliche auf, im Publikum finden sich genauso Erwachsene. Als die "Farm der Tiere", frei nach George Orwell, als Analogie auf die politische Korruption in den Autonomiebehörden inszeniert wurde, erlebte die Westbank ihren ersten Theaterskandal. "Die palästinensischen Sicherheitsbehörden mochten es nicht", bemerkt Mer Khamis lakonisch. Die Zuschauer hatten ihre Oberkommandeure in den Orwellschen Schweinen wieder erkannt. Der Regisseur wurde sogar zwei Tage in Haft genommen. Palästinensische Politiker aus dem Bürgerrechtslager wie Hanan Aschrawi oder Mustafa Barghouti verteidigten indes die Freiheit von Meinung und Kunst und damit das Freedom Theatre.

Nicht nur sie. Selbst der frühere Anführer der Al-Aksa-Brigaden in Dschenin, der einst berüchtigte Zakaria Zubeidi, gehört zu seinen Fürsprechern. Im Rahmen einer Amnestievereinbarung mit Israel hat er seine Waffen abgegeben. Heute sitzt Zubeidi im Theaterbeirat, doziert über die kulturelle Zerstörung infolge der Besatzung. "Schon der Name Freedom Theatre macht den Unterdrückern Angst", befindet Zubeidi. Solche Worte aus seinem Munde sind auch eine gute Protektion gegen Anfeindungen aus dem Flüchtlingscamp. Einige Hardliner stören sich nicht nur daran, was auf die Bühne kommt, sondern dass auch Mädchen neben Jungs auftreten oder an Workshops von Ausländern. Mer Khamis schiebt das "auf die Ghettomentalität" im Lager, die sich in sieben Jahren der israelischen Abriegelung noch verstärkt habe.

Im Frühjahr zündeten Unbekannte den Theatereingang an. Der Schock war groß, der materielle Schaden eher klein. Aber der Brandanschlag löste eine Soli-Welle aus. Zum Theaterfestival in Dschenin strömten Besucher aus der ganzen Westbank. Der Erfolg beeindruckte die Leute im Lager. "Die Hälfte von ihnen", so Mer Khamis, "steht heute hinter dem Freedom Theatre." Nicht zuletzt, weil die Theaterarbeit eine Art therapeutische Wirkung entfaltet hat. Viele Jugendliche in Dschenin haben den gewaltsamen Tod von Angehörigen oder die Zerstörung ihrer Häuser erlebt. Sich im "Freedom Theatre" auszuagieren, wirkt sich sogar günstig auf manche Schulleistungen aus.

"Ich kann noch so müde sein", erzählt die Moemen Switat (20), "aber für das Freedom Theatre gebe ich alles." Kaum anders geht es Battoul Talib (19) und dem Rest der Truppe, die derzeit mit "Fragments of Palestine" auf Deutschlandtournee ist. "Am Anfang waren meine Eltern dagegen, dass ich Schauspieler werden will", sagt Battoul. Heute ist die Familie stolz auf ihn. Für einige der jungen Palästinenser ist es das erste Mal im Ausland. In Dschenin, sagt Moemen, "haben wir mit dem Stück unserem Volk einen Spiegel vorgehalten". Den Deutschen wolle man zeigen, "wie unsere Lebenslage wirklich ist. Nicht alles dreht sich um die Besatzung. Auch wir haben Problem in unserer Gesellschaft."

Das Freedom Theatre ist an mehreren Orten in Deutschland zu sehen, unter anderem am 17.9 im Theater Willy Praml in Frankfurt am Main.

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