Her mit den wilden Engländern! Fast gleichzeitig stürmen die Aufführungen der beiden britischen Dramatiker Simon Stephens und Dennis Kelly die beiden Münchner Großbühnen. Ein Zufall?
Beide Inszenierungen lassen es krachen. An den Münchner Kammerspielen bringt Sebastian Nübling „Three Kingdoms“ von Simon Stephens als Koproduktion mit dem Lyric Hammersmith Theatre London und dem Theater N099 Tallinn auf die Bühne. Nübling inszeniert die Kriminalgeschichte als irre Jagd von London über Deutschland nach Estland. Detective Inspector Stone sucht einen unbekannten Täter, der einer Frau den Kopf mit einer stumpfen Handsäge abgetrennt hat. Ein echtes Männerstück, trotz der an- und abwesenden Frauen: Cops und böse Buben stehen im Zentrum der erzählerisch angelegten, dreistündigen Aufführung, die von Mitgliedern aller drei Ensembles getragen wird.
Kennste einen, kennste alle: Äußerlich dreht sich hier alles um Zuhälterei, Korruption, Gewalt und Geld im grenzenlosen Europa. Im Innern der Männerseelen herrscht blankes Durcheinander, selbst der gute Polizist Stone verfällt am Ende der dunklen Seite der Macht – ohne den Täter zu finden. Showmomente und Travestie und fast durchgängig hochathletische Action: die ungeheure Energie und Spielfreude der Schauspieler ist in jedem Moment des Thrillers spürbar. Nicht nur die nationalen Gewissheiten zerfasern, auch die Story zerfällt zum Ende hin jedoch zunehmend.
Gegen die herrschenden Kräfte
Vom Menschenhandel zum Landgrabbing: Das Aufkaufen von billigem Land in der Dritten Welt durch Konzerne, Spekulanten und die Industrieländer zwecks Profitstreben oder Ernährungssicherung flicht Dennis Kelly in seinem Stück „Die Götter weinen“ zur Anklageschrift gegen die herrschenden Kräfte der Gegenwart. In der deutschen Erstaufführung am Residenztheater gibt der tschechische Regisseur Dusan David Parízek den Kusej: Es darf geschossen und Blut en masse verschleudert werden. Dabei entwickelt Parízek den Stoff in seiner zweieinhalbstündigen Aufführung sehr langsam und eindringlich.
Manfred Zapatka spielt den alten Konzernchef, der sein Wirtschaftsreich aufteilt und seinen vermeintlich schwachen Sohn dabei übergeht. Eben dieser Sohn will es dem Vater zeigen und drängt zurück ins Geschäft. Nicht nur er marschiert über Leichen: der brutale ökonomische Weltmachtkampf stürzt den Globus schließlich in ein dunkles Beckettsches Endzeitspiel. Der wirre Konzernkönig trifft in der weiten, schwarzen Bühnenebene am Ende seinen Sohn. Und sieht sich in dessen Antlitz selbst. Und lacht zufrieden. Blut ist dicker als Geld.
Zwei Kommentare zur Zeit – aus zwei verschiedenen Blickwinkeln. Sebastian Nübling legt in „Three Kingdoms“ Wert auf ein unterhaltsames Narrativ und inszeniert einen Tatort mit gesellschaftskritischer Grundierung und Humor. Dusan David Parízek versucht sich in „Die Götter weinen“ an einem zeitgemäßen Klassiker mit aufklärerischem Anspruch. Beides tut der bayerischen Hauptstadt gut: Occupy München.