Bleibt ein erheblicher Rest, der leider nicht nur Schweigen sein kann: Geht es am Ende um die Turmgesellschaft, ist es superkonventionelles Drehbühnentheater ohne szenische Phantasie, was da geboten wird. Bis dahin aber sehen wir, gar nicht dumm, die große, neue Naivität. Das Theater versichert sich seiner eigensten, einfachsten Mittel, ohne Angst vor Simplizität oder Peinlichkeit. Merkwürdig nur, dass sich das junge, frische Theater zur Zeit nicht nur in Dresden dabei auch gern der ältesten Requisiten bedient: alles was der Fundus zwischen Wams und Florett so hergibt.
Solberg zählt 30 Lenze, hat schon in Frankfurt, Mannheim und Berlin inszeniert, und seine Version von "Romeo und Julia" ist noch eine Klasse jünger und vitaler als Hellers "Meister". Shakespeares Liebes- und Familienzwist-Drama ist schon lange das klassische Einfallstor für die je jüngste Regiegeneration. So auch hier. Solberg lässt das Drama aus einer Welt von Jugendgang, Bauzaun und Pappedeckel-Zuhause hervorquellen. Gearbeitet wurde vor allem daran, richtiges Straßengang-Feeling und gewalttätige Energie auf die Bühne zu pumpen. Es geht mit Tybalt (Sebastian Wendelin) los, der überhaupt nicht weiß, wo er mit seiner Aggression hin soll.
Zwischen den ziemlich krachigen Gewaltszenen (Stefko Hanushevsky als Mercutio steht Wendelin in viriler Aggressivität in nichts nach) und etwas häufigem Polizeihubschrauber-Geknatter stellt sich schnell die Frage, ob Solberg hier nur zusammenklebt, was in puncto Street Credibility konkurrenzfähig ist, oder ob er dabei irgendetwas Eigenes entstehen lässt. Zunächst: Solberg versammelt hemmungslos alles, worüber so gern geschimpft wird, er schreibt Shakespeare um, er spielt zwischen Prodigy und Beatles eine Menge Pop-Songs ein, er liebt Filmzitate und Medienkritik. Vater Capulet ist nur darum besorgt, dass er richtig ins Video-Bild gesetzt wird. Und die wesentliche Frage, die beantwortet wird, scheint: Wie klettert man schnell über einen Bauzaun?
Der Fremdkörper Liebe
Nun ist es das Vorrecht der Jungen, sich mehr für sich als die Alten, und heißen sie auch Shakespeare, zu interessieren. Schön ist, dass Romeos und Julias Liebe zwischen Müll und Bauzaun wie ein Fremdkörper herauswächst, mit dem man gar nicht mehr gerechnet hatte. Da steckt viel Sehnsucht nach lebendigem Leben drin. Die Welt, haut einem Solberg sentimental, aber auch unmissverständlich-aggressiv um die Ohren, diese Welt macht es einem schwer, in ihr zu leben und vor allem sie zu lieben. Sie ist voller falscher Kulissen, "Capulet, Verona" steht auf einer Gummihaut wie eine Sektmarke, am Ende stehen Cruise Missiles, Panzer und ein Hummer (der fette Benzinfresser, nicht das wohlschmeckende Langustentier) auf der Bühne. Romeo und Julia sind, nicht nur weil es das Stück befiehlt, sondern weil es die Welt so haben will, am Ende tot. Lebt solange ihr könnt, nehmt Euch in jeder Minute so viel Leben wie möglich, brüllt die Aufführung.
Der Altersdurchschnitt im Publikum lag übrigens bei 40, die eine Hälfte war um die 15, die andere 65 Jahre alt. In der Aufführung, die ich gesehen habe, hat es auch der zweiten Hälfte gefallen. Die erste hat sich höchst animiert über die Kampfszenen unterhalten.