Wie beginnt man ein Theater? Matthias Hartmann hat in der Welthauptstadt des Theaters das getan, wozu er sich verdammt gefühlt haben muss. Er hat Wien einen Doppel-Faust hingeklotzt, ein echter Großbeginn und Paukenschlaganfang, die Stadteroberung als Stadtüberwältigung - die dann allerdings wie das Salutfeuer ungeladener Kanonen verpuffte. Ulrich Khuon begann an den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin dagegen aufreizend bescheiden: Die 200 Leute, die da Platz hatten, kamen sich ziemlich verloren vor. Dazu am nächsten Tag, immerhin auf der großen Bühne, eine Uraufführung, dramaturgisch fein abgestimmt, dezidiert programmatisch und subtil durchdacht. Hier wird nicht gefeiert und geklotzt, sagte das, hier wird vollinhaltlich gearbeitet.
In Dresden, da wo die Semper Oper und die Alten Meister für immer den Mythos von der Perle an der Elbe aufrechterhalten werden, da wo selbst die Graffiti schön sauber gemalt aussehen, in Dresden hat Wilfried Schulz jetzt ein drittes Modell vorgeführt: Wir katapultieren uns erst mal voll in die Gegenwart, aus mehrfacher Randlage ein beherzter Sprung mitten hinein ins pralle Leben. Wann, wenn nicht jetzt, scheint er sich gesagt zu haben. Martin Heckmanns, der das Dramolett "Zukunft für immer" schrieb, Friederike Heller, die "Wilhelm Meisters Lehrjahre" inszenierte, und Simon Solberg, der "Romeo und Julia" auf die Bühne brachte, sind mindestens zehn Jahre jünger als alles, was sonst irgendwo zu einem Theaterauftakt inszenieren darf. Da wird nicht umständlich nachgeholt, was Dresden im Theater in der Zwischenzeit verpasst haben mag, da wird nicht vorsichtig herangeführt: Augen zu und los, sagen die vielen neuen Theatermenschen aus dem Westen vielmehr, die mit den Brüdern und Bürgern aus dem tiefen Osten offenbar eine neue Freiheit, einen neuen Anfang und ein neues Leben beginnen wollen. Alles frisch, wir haben Lust auf Zukunft.
Noch ein Neuanfang: Am Dresdner Schauspielhaus hat Wilfried Schulz, Jahrgang 1952, seine erste Saison als Intendant eröffnet.
"Wilhelm Meisters Lehrjahre" in der Inszenierung von Friederike Heller am 1., 5., 9. 14., 30. Oktober.
"Romeo und Julia" in der Inszenierung von Simon Solberg am 8., 13., 21., 28. Oktober. ( fr)
"Zukunft für immer", ein Anfang vor dem Anfang und vor dem Vorhang, verheddert sich dann allerdings in Theaterreflexion. Martin Heckmanns verliert die schöne Idee aus dem Auge, der wirklich erlebten jüngeren Geschichte eine Stimme zu geben. Es ist ein teilweise chorisches Stück für Regina Jeske, Vera Irrgang und Helga Werner, die in Dresden schon mehr als 40 Jahre Theater spielen. Anstatt sie von ihrer Arbeit und dem Leben in der DDR, während der Wende und im gewendeten Land erzählen zu lassen, denken die drei Schauspielerinnen vor allem über das Theater nach. Das hatten wir schon zu oft. Wer war ich, wer waren wir, wer hätten wir sein können, das kommt zu kurz. Stattdessen werden Fragen gestellt wie: "Warum muss ich immer diese echten Menschen spielen?"
Stegreiflust, Hanswurstcharme
Heckmanns ist in Dresden auch Dramaturg. Als solcher hat er für die Regisseurin Friederike Heller (die jetzt auch Dramaturgin an der Berliner Schaubühne ist) mit dem "Wilhelm Meister" getan, was Wilhelm Meister selbst vorschwebt: "den sperrigsten Roman in einem Schauspiele zu erzählen". Es ist eine bis auf die Handlung eingedampfte Fassung des vielschichtigen Entwicklungsbuches, die den Bildungsgehalt nicht transportiert, das aber auch gar nicht will. Was diese Fassung dagegen will, ist richtiges Theater, ein Theaterroman ist der "Wilhelm Meister" ja auch, sie will den Moment und nicht die Entwicklung, lebendiges Bilderbuch nicht großer Bildungsroman.
Die Aufführung besteht im Kern aus rotem Samt und weißem Kragen. Christian Friedel, der Wilhelm Meister, sieht im blaugestreiften Hemd mit dem blitzend weißen Kragen ungemein brav aus. Seine Ausbrüche schusseliger Vitalität wirken dagegen so chaotisch-charmant, dass es niemanden wundern muss, dass die Frauen ihm angezogen wie vom Licht reihenweise zufliegen. Ein allerliebster Bub, ein großer Naiver und ein toller Schauspieler.
Der rote Samt ist dagegen von Sabine Kohlstedt für die Bühnen reserviert. Es gibt den großen Vorhang, dahinter ein Brettertheater auf dem Theater, wieder mit Vorhang, dann das Puppentheater im Brettertheater, wieder mit Vorhang, samt und sonders rot, und alle aus Samt. Dazu wird alles aufgeboten, was der Jahrmarktsbudenzauber her gibt. Schwertkampf, Commedia-dell´arte-Trubel und -kostüme und eine famos verführerische Katze fehlen nicht. Fürst und Fürstin als Franzosenfarce, so zitternd, dass der Puder von der Wange fliegt, so fächernd, dass es die Perücke vom Haupt hebt. Dazu natürlich Spinett. Und, wie im Buch, viel "Hamlet". Vor allem die junge Mignon und der alte Harfner, die beiden abgründigen Traumwesen des "Wilhelm Meister", werden sehr poetisch als halblebensgroße Puppen vorgestellt, manchmal gedoppelt durch Schauspieler, dann können sich Puppe und Mensch sehr anrührend küssen, und alles ist schön.
Alles ist frisch und vital, was da geschieht, mit Stegreiflust und Hanswurstcharme, eine Wandertruppenaufführung mit Bandbegleitung. Die Musik macht die Hamburger Band Kante, mit der Friederike Heller schon an der Wiener Burg gearbeitet hat. Goethes Gassenhauer, "Wer nie sein Brot mit Tränen aß" oder "Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide" werden zu Hamburger-Schule-Schlagern, die Vokale werden schmerzhaft gedehnt: man weieieieint.