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Theater

04. Juni 2010

Theaterfestival Istanbul: Auf die Gewürze kommt es an

 Von Renate Klett
Kalt und tot auf hohem Niveau: "Elektra" in Istanbul. Foto: Gokhan Celem

Von Kafkas "Prozess" aus München bis Goldonis "Trilogie der schönen Ferienzeit" aus Mailand: Im Juni zeigt das Theaterfestival in der Europäischen Kulturhauptstadt Istanbul 39 Produktionen. Von Renate Klett

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Das Festival

17. Theaterfestival Istanbul: bis 10. Juni. www.iksv.org

"Istanbul 2010" ist hierzulande die offizielle Bezeichnung für die Europäische Kulturhauptstadt. Niemand scheint zu wissen, dass man sich den Titel mit Essen und Pec teilt. Bei der Programmplanung gab es viel Streit und Ärger, Schuldzuweisungen und Rücktritte - herausgekommen ist dann die übliche Mischung aus unzähligen Veranstaltungen, Gebäudesanierungen (die noch in jeder Kulturhauptstadt das nachhaltigste Projekt waren) und, nun endlich doch, einem U2-Konzert - Bono hatte wegen der Menschenrechtslage bisher stets abgelehnt, in der Türkei aufzutreten.

Und auch das ist wie überall: dass die Bevölkerung das Ganze entweder gleich ignoriert oder am Programm heftig herumkrittelt. Vielleicht ist das Konzept der Cultural Capital of Europe einfach überholt in Zeiten der Krisen und kommunalen Notstände.

Istanbul, die Schöne, die Stolze, hält sich ohnedies gern für die Kulturhauptstadt der Welt - was soll ihr da Europa? Die türkische Neuorientierung hin zu den islamischen Nachbarstaaten ist auch eine Folge all der Enttäuschungen beim geplanten EU-Beitritt - und sie ist an vielen Kleinigkeiten zu spüren. Selbst in Beyoglu, dem "europäischsten" Teil der Stadt, gibt es plötzlich auffallend viele Frauen mit Kopftüchern, und viele von ihnen sind sehr jung - Ergebnis der AKP-Politik des Stolzen Islam oder allgemeiner Trend (für Kairo gilt Ähnliches schon seit Längerem)?

Eine der sinnvolleren Unternehmungen der Kulturhauptstadt gilt der Stärkung bestehender Strukturen. So ist die diesjährige Saison des biennalen Theaterfestivals größer und reicher denn je: Einen Monat lang werden dreißig türkische und neun internationale Produktionen gezeigt.

Letztere reichen von Andreas Kriegenburgs spektakulärem Kafka-"Prozess" aus München bis zu Carlo Goldonis "Trilogie der schönen Ferienzeit" in der wunderbaren Inszenierung von Toni Servillo für das Piccolo Teatro in Mailand. Oder vom internationalen Renner "Sutra", den Sidi Larbi Cherkaoui mit Kung-Fu-Mönchen choreografiert hat, bis zur Wiederaufnahme von Pina Bauschs Istanbul-Hommage "Nefes".

Die Ehrenpreise fürs Lebenswerk vergibt das Festival an den türkischen Schauspieler Erol Kewskin und den japanischen Regisseur Tadashi Suzuki. Dessen vorzügliche Methode zur Stimm- und Körpertechnik wird weltweit gelehrt, und seine Aufführungen waren in den achtziger Jahren begehrte Trophäen der großen Festivals. Sie dauerten stets genau eine Stunde, ganz egal ob es sich um "Die Bakchen", "König Lear" oder "Die Troerinnen" handelte, und sie waren streng formalisierte Rituale aus dem Geist des No-Theaters, mit modernen Requisiten, exquisiten Lichtstimmungen und großartigen Schauspielern. Dreißig Jahre später hat sich nichts geändert, nur das lodernde Theaterfeuer hinter der abgezirkelten Form scheint inzwischen erloschen. Die hier gezeigte "Elektra" jedenfalls wirkt kalt, tot und selbstzufrieden - das allerdings auf hohem Niveau.

Da ist der türkische "Titus Andronicus" doch ein anderes Kaliber! In ausschweifend vulgarisierter Neuübersetzung des Shakespeare-Textes ist die "Gaunertragödie in fünf Akten und Versen von Sinan Fisek" (so der Untertitel) vermutlich der komischste "Titus" aller Zeiten. Das gegenseitige Gemetzel wird nach Byzanz versetzt und durch eine Flut verbaler Obszönitäten und unbeschreiblicher Flüche aufgeheizt. Wenn man die nicht versteht, wundert man sich, warum das Publikum aus dem Lachen nicht herauskommt.

Es ist wie der Rachekrieg zwischen zwei Mafia-Familien, mit Tarantino-Tempo inszeniert von Isil Kasapoclu, inklusive Kochstudio-Rezept für die Zubereitung von Menschenpastete ("auf die Gewürze kommt es an!"). Und am Ende wird dem Publikum empfohlen, jetzt schnell nach Hause zu gehen, da Byzanz, wie gerade gesehen, ein höchst gefährliches Pflaster ist.

Das DOT-Theater um den Regisseur Murat Daltaban gehört zu den originellsten Off-Gruppen Istanbuls; in nur fünf Jahren hat es sich einen gewaltigen Ruf erarbeitet, und bei der Uraufführung ihres neuen Stücks brach das Theater schier zusammen unter dem Publikumsansturm. "Malafa" ist eine schrille Satire über betrogene Betrüger beim hemmungslosen Kampf zwischen schmierigen Mittelsmännern und hysterischen Schnäppchenjägern in einem Juwelierzentrum in Antalya. "Tourismus ist nicht die lustige und friedliche Begegnung verschiedener Kulturen", heißt es einmal, "Tourismus ist blutloser Krieg ums Überleben in einer Welt mit begrenzten Ressourcen."

Und so geht es denn auch zu: hier Rabatte, Verkaufspsychologie und gezinkte Ratenzahlungen, dort Erlebnisgier, Kaufrausch und Großmannssucht. Es ist die Rache der Nachgeborenen an den Leiden ihrer Väter als Gastarbeiter. Die Türken sind die Schlauen, die Touristen die Dummen, aber am Schluss ziehen die Dummen die Schlauen über den Tisch und engagieren deren Anführer für den nächsten Raubzug in Griechenland.

Wie der Autor Hakan Günday in der Dramatisierung seines Romans Komik und Tragik durcheinanderwirbelt, die Aktion in immer absurdere Faxen und Finten hinaufschraubt und dann den großen Überraschungscoup landet, das hat Fo´sche Qualitäten. Und serviert wird das so frisch, flink, fröhlich, frei wie im klassischen Kabarett: tolle Schauspieler, eine leichthändig treibende Regie, Pointen voller Jauche und Juchzer - und ein Text, der sich gewaschen hat. Zum Nachspielen dringend empfohlen!

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