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Theatersaison: Ein Totentänzchen

Aus der Mitte der besseren Gesellschaft: Das Theater Willy Praml nimmt sich in klassischer Manier Hofmannsthals „Jedermann“ vor, auf ein Mysterienspiel-Dekor wird verzichtet.

        

Sind wir nicht alle Jedermänner? Offiziell nennt sich aber nur der Herr im weißen Anzug so.
Sind wir nicht alle Jedermänner? Offiziell nennt sich aber nur der Herr im weißen Anzug so.
Foto: Seweryn Zelazny

Der reiche Mann ist vielleicht tatsächlich nur auf zwei Arten zu verunsichern: Entweder droht man ihm den Verlust seines Reichtums an, oder man kommt ihm katholisch. Ihm katholisch zu kommen, heißt nicht, zu moralisieren und an sein Gewissen zu appellieren (auch wenn die Erinnerung an Jean Zieglers ungehaltene Salzburger Rede bei den „Jedermanns“ der Sommertheatersaison 2011 im Raum steht). Es heißt vielmehr: In einer Stunde bist du tot, und dann kannst du dir ein Ei auf deinem Geld backen. Und auf deinen Freunden, deinen Frauen, deinem Kuppelbau, deinem Porsche, deinen Schweizer Uhren, kann man noch in Ergänzung auf die klassische Statussymboleauswahl ergänzen, die jetzt in der Naxoshalle auf die Leinwände geworfen wurde.

Keine gebratenen Hühner

„Der Frankfurter Jedermann. Hofmannsthal. Ein Welttheater.“, heißt der Abend in wiederum klassischer Theater-Willy-Praml-Manier. Es ist überhaupt ein klassischer Abend, wobei Regisseur Praml Hugo von Hofmannsthals „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ klug ohne Mysterienspiel-Dekor ausstatten lässt (ohne Blumengirlanden, gebratene Hühner, sackleinerne Arme-Leute-Kostüme). Stattdessen schickt er eine wie immer fabelhaft ausgeleuchtete Schickeria-Runde auf die zunächst durch die Leinwände betrüblich verkürzte Fabrikhallenbühne. Quiekende Damen, animierte Herren in Abendgarderobe, eine bei näherer Hinsicht skurrile, handverlesene Runde.

Aus der Schar lösen sich die Figuren immer wie von ungefähr heraus: Der Tod war eben noch eine aparte Lady in Schwarz, der gerecht zürnende Schuldner, der entblößt dasteht, hat eben noch mitgetanzt, der Mammon ist die ganze Truppe, jeder mit eigenem Geldköfferchen. Keiner soll zu wichtig sein, auch Birgit Heuser, die Buhle, rückt erst ins Zentrum, als sie nachher als „Werke“ auf staksigen Beinen und elendiglich bekleidet ihrem Jedermann zur Seite steht/rollt. Allein Jedermann ist stets Jedermann, Michael Weber im blütenweißen Anzug, später im blütenweißen Totenhemd. Aber auch er drängt sich nicht in den Vordergrund. Nur das Leben will er nach Kräften genießen, wie jedermann.

Dass Tod und Graus hier aus der Mitte der besseren Gesellschaft erwachsen, ist effektvoll und macht aus einer Szeneabfolge einen Reigen, ein fortwährendes Totentänzchen mitten im Leben. Praml und Weber (von dem auch die Ausstattung ist) bringen in ihrer Textfassung noch weitere Zitate rund um den Tod unter: Ein Totengräber erzählt, auch wird der Prozess der Verwesung en detail ausgeführt. Am Musikpult – nach der Pause in luftiger Höhe, als es nach hinten offener wird und eine würdige Jedermann-Treppe auftaucht – steht ein DJ (Gregor Praml/Jakob Rullhusen) und verbreitet abwechselnd mit Mozart eine Mordsstimmung. Denn die Hauptperson ist der paarweise auftretende Tod (Andreina Conti, Andreas Bach), nie ohne Sense. Seinen/ihren kalten Hauch wird man nachgerade spüren, wenn sie an der Zuschauertribüne vorbeischreiten. Gott der Herr sind hingegen alle. Und der Teufel ist der Prinzipal selbst, Willy Praml mit imposanten Hörnern schimpft wie ein Rohrspatz. Der Teufel ist im Recht, aber der unlogische Katholizismus hat inzwischen auf ganzer Linie obsiegt.

Und doch dauert es noch eine Weile, bis Jedermann und seine Werke sich vollends ausgesprochen haben. Die Längen des „Jedermann“, nicht einmal Praml kann sie in Kurzweil verwandeln.

Naxoshalle in Frankfurt: 5.-7., 12.-14., 19.-21. August. www.theater-willypraml.de

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  1 | 8 | 2011
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