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Theater

15. Januar 2013

Theresia Walser in Mannheim: Erichs Asche auf dem Bühnenboden

 Von Sylvia Staude

Ein Komödienspaß ist Theresia Walsers in Mannheim uraufgeführtes Stück über Diktatoren-Gattinnen.

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Sage keiner, das Theater bemühe sich nicht um aktuelle Themen. Am vergangenen Wochenende hatte nicht nur in Stuttgart ein Banker-Stück von Andres Veiel Uraufführung, „Das Himbeerreich“, sondern auch am Nationaltheater Mannheim das jüngste Werk Theresia Walsers, in dessen Titel ebenfalls Harmlos-Fruchtiges eine trügerische Rolle spielt: „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“. Die das von sich sagt, im Stück „Frau Leila“ genannt, in der Realität verheiratete Ben Ali, ist nicht nur die jüngste in diesem Reigen dreier Tyrannen-Gattinnen, sondern sie soll 2011 bei ihrer Flucht aus Tunesien ins saudi-arabische Exil auch den bisherigen Raff-Rekord Imelda Marcos’ gebrochen haben. In der Mannheimer Uraufführungs-Inszenierung Burkhard C. Kosminskis steigt Frau Leila – in Stöckelschuhen, oho! – aufs Rednerpult und fragt ins Publikum: Sie, ein solches Persönchen, soll Tonnen von Gold aus der Bank geholt haben? Lachhaft!

Margot Honecker und Imelda Marcos sind die beiden anderen Diktatorenfrauen, die Theresia Walser ausgesucht hat für die Fiktion einer gemeinsamen Pressekonferenz (mit einem schon vor Beginn überforderten Übersetzer, dazu gleich mehr). Ob „Frau Imelda“ und „Frau Margot“ im wahren Leben eigentlich noch am Leben sind, googelt die Rezensentin vorsichtshalber. Sind sie, Margot Honecker in Chile, Imelda Marcos stilvoll in Manila.

Bei Walser jedenfalls sind sie in Hochform: Ragna Pitoll nimmt man mühelos die ehemalige Oberlehrerin der DDR ab, Anke Schubert die gealterte Schönheitskönigin mit den 3 000 Paar Schuhen, die querulatorisch ein ums andere Mal beklagt, dass es auf der Bühne keine Blumen gibt. „Frau Leila“, Sabine Fürst mit Raubtierblick, möchte indessen gefälligst nach ihren Gedichten gefragt werden.

Während Veiels aus Banker-Interviews destillierter Text nicht wirklich ein Theaterstück geworden ist (siehe FR vom 14. 1.), funktioniert Theresia Walsers Variation auf politische Raff- und Machtgier nicht nur auf einer Bühne, ohne dass eine große Anstrengung des Regisseurs nötig ist, sondern sogar als Komödie. Zwar dreht Kosminski die Slapstick-Schraube noch ein wenig weiter, lässt den Servierwagen wie von Geisterhand herumrollen, das Rednerpult-Mikro nur Micky-Maus-Stimmen ausspucken. Aber eigentlich ist alles schon angelegt in diesem in knackigen anderthalb Stunden auf einem Bühnenstreifen mit Sesseln (Bühne: Florian Etti) spielbaren Text. Walser, Hausautorin am Mannheimer Theater, beherrscht das schlagkräftige dialogische Pingpong – Leila: „Ich habe schon lange keinem Volk mehr zugewunken“, Imelda: „Wo kein Volk ist, muss auch nicht gewunken werden“ –, und fügt einen guten Schuss Absurdität hinzu.

Dies vor allem durch die Figur des Dolmetschers, der den bezeichnenden Namen Gottfried trägt (von den Damen gern Gott!...fried gesprochen) und aus Jena stammt. Schnell macht der Übersetzer sich selbstständig, verharmlost oder lässt ganz raus, was die drei Diktatorengattinnen kränkend finden könnten, besonders für Frau Margot scheint er eine Schwäche zu haben. Dann wieder ist er ein kleiner Agent Provokateur, unklar, ob aus Versehen oder Rachlust. Sven Prietz macht einen wuseligen Diener dreier Herrinnen aus ihm, und er lässt geschickt offen, ob man einen Tollpatsch oder einen Hinterlistigen vor sich hat. Gerade noch war er auf einer Fischereitagung, da kann ihm im Stress des Dolmetschens schon mal der Maulschimmel oder das Quarantänebecken dazwischenrutschen.

„Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ ist ein durchgängiger Spaß; schusssichere BHs werden ebenso abgehandelt wie zuletzt die Urne mit Erichs Asche erwartungsgemäß zerschellt (vom „Brandrückstand“ eines „kommunistischen Staatstrottels“ spricht da Imelda). Es gibt den platten Witz, den richtig lustigen Witz, ab und zu den bitterbösen Witz. Und so fragt man sich am Ende dann doch, ob man sich nicht zwar gut amüsiert, aber angesichts des Themas vielleicht zu gut amüsiert hat.

Nationaltheater Mannheim: 16., 17. Januar, 3., 14., 23. Februar.

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