Während der Theatermacher Rene Pollesch gerade erst in einem Interview den Charme der (Bühnen-)Lüge beschwor und bedauerte, dass das Theater diese Stärke zu selten einsetze, hat sich das Berliner Festival „Tanz im August“ im Jahr 2010 für die neue Ernsthaftigkeit entschieden. Die Veranstalter luden Stücke ein, die über den „verantwortlichen Umgang mit Menschen und Ressourcen“ nachdenken, Choreografen und Performer, die dem Tanz eine gesellschaftskritische Funktion, ein auch im übertragenen Sinn In-Bewegung-Bringen zutrauen. Die meisten der insgesamt 38 Produktionen aus 19 Ländern laufen unter dem Schlagwort „Menschenrechte“ – was vielleicht bei jedem andere, aber zweifellos Erwartungen weckt.
Zum Titelbild des Programmhefts hat man eine Detailaufnahme aus einer seit Jahren erfolgreich tourenden (und jetzt in Berlin gezeigten) Produktion William Forsythes gemacht: „Human Writes“ ist insofern ein Glücksfall, als es auf jede Theaterlüge verzichtet, aber trotzdem in keine Betroffenheitsfalle tappt. „Human Writes“ ist pures, konzentriertes Handeln: Tänzer müssen versuchen, mit am Körper befestigten Stiften Text aus der Erklärung der Menschenrechte zu schreiben, andere Darsteller und die Zuschauer sollen helfen – halten, schieben, stützen, den Akteur anfassen oder wenigstens mit Worten dirigieren. Die Menschenrechte als gemeinschaftliche Sisyphos-Arbeit.
Als hätte man an ein- und demselben Abend Grenzpfähle an entgegengesetzten künstlerischen Enden einschlagen wollen, gab es aber in deutscher Erstaufführung zunächst die jüngste Produktion Alain Platels „Gardenia“, dann konnte man vom HAU (Hebbel am Ufer) ins Podewil fahren, wo Héla Fattoumi „Manta“ tanzte, ein Solo über den Hijab, die, bis auf die Augenpartie, Ganzkörperbedeckung für Frauen. Aber nicht nur die Kostüme sorgten fürs Kontrastprogramm. Das von Héla Fattoumi – in Tunesien aufgewachsen, in Frankreich lebend – mit Éric Lamoureux erarbeitete und von ihr getanzte 70-minütige Solo ist in seinen starken Momenten ein bildmächtiger Appell, in schwachen landet es in Klischees des Betroffenheitstheaters.
Aber die Künstlerin ist nun mal qua Biografie Betroffene, das macht die Bewertung nicht einfacher. Aufs Schönste werden etwa die skulpturalen Möglichkeiten des Faltenwurfs im Scheinwerferlicht genutzt, wird mit dem Geheimnis und sexuellen Versprechen eines verhüllten Körpers gespielt. Der Mund wird unterm anschmiegsamen Stoff die Öffnung einer Plastik-Sexpuppe, der Po eine vibrierende Verheißung. Dann wieder scheint die Stoffsäule buchstäblich im Boden zu versinken. Und leider wird zuletzt alles aufs Platteste aufgelöst – Schwestern, zur Sonne, zur Freiheit, zur Levi’s –, wenn Héla Fattoumi Jeans, blutrotes Hemdchen, Pumps anzieht, zum Mikro greift und zu singen beginnt: „This is a man’s world“. Aber dann war da noch dieser Zuschauer direkt hinter der Rezensentin, der seiner Verachtung und letztlich wohl Misogynie auf eine Weise Ausdruck verlieh, dass diese, gerade noch in Gedanken die Augen rollend, sogleich das Bedürfnis hatte, sich auf die Seite der Choreografin/Tänzerin zu stellen. Solange es solche Tröpfe gibt ...
Ironie als Abstandspuffer zur Rührung
Mit Alain Platels und Frank van Laeckes „Gardenia“ war das Tanzavantgarde-Publikum auf sicherem Terrain: Es ist ein Stück, das immer wieder die Ironie nutzt als Abstandspuffer zur Rührung. Es ist dies eine vertraute, deshalb ja nicht verkehrte Technik der Moderne. Seht her, sagt die Ironie, wir sprechen hier zwar von ernsten Dingen, von Dingen vielleicht auch, die wir am eigenen Körper erfahren haben, aber wir lassen uns nicht überwältigen. Das belgische Künstlerkollektiv Les Ballets C. de la B., das immer noch am präsentesten, aber nicht ausschließlich von dem Choreografen und Regisseur Alain Platel geprägt wird, hat sich diesmal zusammengetan mit alternden Travestiekünstlern. Das Konzept des gut anderthalbstündigen Stückes stammt von der Transsexuellen Vanessa Van Durme, an ihrer Seite sind sechs zwischen 55 und 75 Jahre alte Darsteller, dazu eine „richtige“ Frau und ein junger, quicker Tänzer, Timur Magomedgadzhie, der aussieht wie Jesus. Die Musik (Steven Prengels) lässt keine der in Travestieshows beliebten Nummern aus, von „Over the Rainbow“ bis „Weißt du, wo die Blumen sind“. Mindestens so emotionsgesättigt ist das wie „This is a man’s world“, genüsslich ausgespielt wird es auch – doch ist es eben von einem Augenzwinkern begleitet. Es ginge vermutlich nicht gut ohne, angesichts nicht gerade schlanker, nicht gerade junger Menschen in Glitzerfummel inklusive Kopfschmuck.
„Gardenia ist kein fiktionales Werk“, schreiben die Regisseure Alain Platel und Frank Van Laecke zu ihrer Inszenierung. Aber wer erwartet, dass Lebensgeschichten erzählt werden, wird enttäuscht sein. Es sind vor allem die Körper, die berichten. Vom richtigen Leben im falschen, oder falschen im richtigen. Unter dem Anzug liegt das Kleid, unter der Perücke das kurze weiße Haar. Sie sind Schönheitssuchende, die Transsexellen/Transvestiten, die sich hier selbst spielen. Und obwohl diese Schönheit sich ihnen zunehmend entzieht, so weiß man doch: Sie werden den Traum dort oben über dem Regenbogen nicht kampflos aufgeben. Denn auch Träumen ist ein Menschenrecht.
Berlin, bis 3. September. www.tanzimaugust.de