Dass Tom Kühnel und Jürgen Kuttner sich jetzt an „Die Sorgen und die Macht“ von Peter Hacks gemacht haben, das Skandalstück von 1962, ist Grund zur Freude. Vor einem Jahr waren die Theater zum Mauerfall so gut wie stumm geblieben, obwohl einige von ihnen eine tragende Rolle in der Protestkultur der DDR gespielt hatten. Mit allen Unsicherheiten, die da in der Sprache stecken: in Rolle und Kultur etwa. Denn es ging ja um Politik. Und viele fanden, die Theater seien reichlich spät auf den fahrenden Zug aufgesprungen, besonders in Berlin.
Man freute sich also umso mehr auf diese Hacks-Revue im Deutschen Theater, weil sie mit Jürgen Kuttner jemand mitverantwortet, der die Politik mit der Kultur ohne schöngeistigen Schleier zu verkuppeln weiß. Kuttner, Schnelldenker und Berliner Schnellredner, dem Vernehmen nach harmloser Stasi-Mitarbeiter in seiner Jugend, dann Kulturwissenschaftler der späten DDR, Radiomoderator der Nachwende und Videoschnipsel-König der Volksbühne. Der also. Die Kollegen haben sich auf ihn gestürzt, es gab Vorberichte in Massen. Und auch allen Anlass dazu, die Konstellation ist toll. Der klassizistische Stückeschreiber, Kinderbuchautor, Reimhandwerker und radikal schicke Stalinist Hacks, der mit einem lehrbuchartigen, sozialistisch realistischen, aber dann doch zu dialektischen Stück über die Widersprüche der Planwirtschaft den Zorn der Funktionäre erregt. Und Wolfgang Langhoff, der aufrechte Kommunist und Intendant, im Krieg im Zürcher Schauspiel-Exil, dieser Langhoff muss 1963 deswegen gehen. Schließlich Kuttner. Endlich, ein Stück Theatergeschichte statt dem immer gleichen Erinnerungsfernsehen.
Wenn Kuttner als Langhoff auf die Bühne kommt, der vor der Partei Selbstkritik übt, die zu seiner Absetzung führt, geht ein Schauder um. Nicht weil Kuttner das besonders schön machen würde. Auch kaspert er hier keine Sekunde. Es ist nur dieser Text. Das blanke Erinnern.
Noch ein bisschen schauderhafter ist das, weil Thomas Langhoff im Publikum sitzt, einer der beiden Söhne und nach der Wende ebenfalls Intendant am Deutschen Theater. Wer Kuttner kennt, erwartet jetzt einen Kuttner-Kommentar. Er würde wohl argumentieren, dass die stalinistisch geprägte Selbstkritik im heute herrschenden Neoliberalismus keinesfalls ein Fremdkörper sei. Schließlich geht es auch da darum, sich in andauernden Reformen selbst abzuschaffen. Doch nein, Kuttner lässt es sein. Er vertraut diesem Text und diesem Ort. Es ist ein solitärer Moment. Der Rest dauert dann dummerweise noch gut dreieinhalb Stunden.
Im Weg steht das Stück
Wenn Kuttner kontextualisiert, wird einem anders, jedoch aus andern Gründen. In drei, vier Sätzen wird Walter Ubricht über den grünen Klee gelobt, weil er auf Fachkräfte statt auf Funktionäre habe setzen wollen. Wer das nicht seltsam findet, ist womöglich Journalist. Bei Hacks hieße das: Kunsteunuch. Zweifel oder Fragen nach der Relevanz dieses Stückes oder dem Hintergrund dieser oder jener seltsamen Idee beißt Kuttner neuerdings weg oder weicht ihnen aus. Außer dass Biermann zurecht ausgewiesen wurde und Ulbricht hingegen schon recht war, weiß man nicht, was das Projekt dieses Abends sein soll. Denn das Stück steht immer wieder im Weg. Wir schlagen uns immer wieder sehr, sehr lange mit Problemen zwischen der Brikettfabrik Roter Hammer und der Glashütte herum, die mit der schlechten Ware die Maschinen nicht zum Laufen bringt. Probleme!
Gnadenlos an die Wand
Auch wenn Tom Kühnel mit Kuttner Ko-Regie führt, auch wenn das Bühnenbild mit Goethes Zimmer einen platten, aber lustigen Zugriff auf den Klassizisten Hacks macht: Die schiere Masse dieses Stückes drängt die Kommentare, die Kuttner ja doch mehr am Herzen liegen, gnadenlos zur Wand. Und uns tief in die Sitze. Nichts gegen gelungene Reich-Ranicki-Imitationen wie jene von Christoph Franken, nichts gegen die berühmt gedrechselten Hacks-Gedichte oder gegen seine erzreaktionäre Klassikerauffassung im Kabaratt-Format. Aber dieses Stück hat nichts damit zu tun. Es führt bloß dazu, dass die zeitlich gedrängten Geschichtskommentare das Niveau des gern attackierten Fernsehens kaum überschreiten. Außer in der Szene mit Langhoff – ohne Parodie, ohne Kommentar, nur mit der Quelle.
Allerdings fragt sich, wie viel Sprengkraft in einem Theaterskandal von 1962/63 noch steckt. Heiner Müllers „Umsiedlerin“ von 1961 und Hacks“ „Sorgen“ sind gut dokumentiert. Welche Geschichte wollten Kuttner/Kühnel damit beleuchten? Einiges ungeklärter ist die Rolle des Deutschen Theaters im Jahrzehnt, das zur Wende führte. Hier leben nicht nur die Söhne noch.
Kammerspiele, Deutsches Theater, Berlin: 17., 25 September. www.deutschestheater.de