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Uraufführung Schauspiel Frankfurt: Die tiefe, trockene Traurigkeit

Nis-Momme Stockmann: Ein Porträt des Schriftstellers als ganz junger Mann. Schriftsteller 2010. Am 22. Januar wird von ihm "Das blaue blaue Meer" im Schauspiel Frankfurt aufgeführt. Von Peter Michalzik

Als die neue Hoffnung des deutschen Dramas gehandelt: Nis-Momme Stockmann.
Als die neue Hoffnung des deutschen Dramas gehandelt: Nis-Momme Stockmann.
Foto: Alexander Paul Englert

Da sitzt einer, nah an einer ganz großen Fensterscheibe, vor sich auf dem Tisch ein Laptop, ein Telefon, Haufen von Büchern, Heften, Zetteln, auf einem hat er gerade Kurven wie Blasen wuchernden Sinns gemalt. Dazu eine Tasse Kaffee und eine Flasche Wasser. Der Reißverschluss seiner Trainingsjacke ist bis unters Kinn zugezogen. Er verschmilzt mit dem Hintergrund, vorbeifahrende Autos, das Hochhaus der EZB, das graue Wehen des Winters, seine zur Seite gekämmten Haare. Der junge Mann ist bei sich, so weit bei sich, dass er schon wieder fern wirkt. Er spricht ernst auf eine weiche Art, und er gibt sich keine Mühe, besonders freundlich zu schauen. Schriftsteller 2010.

Nis-Momme Stockmann heißt er und hat noch kein Buch veröffentlicht. In Heidelberg ist sein erstes Stück vor zwei Monaten aufgeführt worden, in Frankfurt folgt heute Abend sein zweites. Auf der Internetseite des Frankfurter Schauspiels kann man "Stockmanns Appendix" lesen. Eigentlich ist Stockmann als Schriftsteller aber noch gar nicht richtig da. Und doch beschäftigt er sich schon intensiv damit, sich nicht vereinnahmen und sich nicht festlegen zu lassen.

Zur Sache

Am Schauspiel Frankfurt wird heute Abend "Das blaue blaue Meer" uraufgeführt, Marc Lunghuss inszeniert. Weitere Termine: 23., 30. Januar, 5., 11., 22. Februar. wwww.schauspielfrankfurt.de

In Heidelberg ist Stockmanns Stück "Der Mann der die Welt aß" wieder am 19. und 27. Februar zu sehen.

www.theaterheidelberg.de

"Ich weiß gar nicht, was ich bin. Es wäre jedenfalls ein peinlicher Anachronismus, wenn ich sagen würde, ich bin Dramatiker." René Pollesch, sagt er, ist auch einer von den Gefangenen, die das Theater kreiert. Irgendwann fällt das Wort vom "Vertrag mit dem Teufel". Da will einer, noch bevor er richtig durchgestartet ist, vor allem eins vermeiden: seine Seele zu verkaufen. Da weiß einer von Anfang an, was das Wichtigste ist, das er hat: seine Unabhängigkeit. Schriftsteller 2010.

Er ist jung, 1981 geboren, er wird zur Zeit als die neue Hoffnung des deutschen Dramas gehandelt, bei Stückemärkten gefeiert, zum Hausautor am Schauspiel Frankfurt, und doch scheint ihn das nicht furchtbar zu interessieren. Ja, er kann auch hier in der Kantine schreiben. Ja, er schreibt vor allem zu Hause. Ja, er hat Koch gelernt, ja, ja, er ist auf Föhr aufgewachsen, allein mit sich und Büchern, auch wenn es kitschig klingt. Ja, ja, ja. Auch das interessiert ihn nicht sehr.

"Der Mann der die Welt aß" heißt das Stück in Heidelberg. "Ich wollte ja nur, ... ich ...". So klingen die Sätze, abgebrochen, fragmentiert, aneinander vorbei. Ein paar Menschen, eigentlich okay, scheitern gnadenlos: an den Verhältnissen, an ihrer Sprachlosigkeit, an den Lebenslügen, an sich selbst. Heute Abend kommt in Frankfurt "Das blaue, blaue Meer" heraus, ein beklemmendes, präzises, ein großes und ein kleines Stück. Die Liebesgeschichte von Darko und Motte. Ein knallharter und seelenweicher Text über Armut in Deutschland. Worte, die erzählen, was in den Herzen derer vorgeht, die in dieser Armut so tief drinstecken, dass sie nur in ihren besten Momenten wissen, wie vernebelt von Alkohol, wie durchleuchtet von Sehnsucht sie wirklich sind. Hallo, Herr Koch in Wiesbaden, schauen Sie sich das doch mal an, bevor sie weiter so forsch über Zwangsarbeit für Hartz-IV-Menschen reden.

Wie klug Darko und Motte bei aller Sprachlosigkeit sind, das merken sie in ihrer Plattenbauwelt wohl nie. Der Zuschauer aber spürt: Da hat sich nicht einer was ausgedacht, das ist durchlebt in jedem Wort. Will man da noch wissen, ob am Schreibtisch oder in der Wirklichkeit? Schriftsteller 2010, ein Mensch mit den Worten, mit sich und mit der Welt beschäftigt. Eigentlich ist es wie immer.

Und doch ist etwas anders. Man kann mit Stockmann darüber reden, wie in der Plattenbausiedlung die Armut wunderbar ausgelagert wurde. Daraus ist sein Stück gemacht: Menschen, die schon nicht mehr zu dieser Welt gehören. Man weiß, er ist wütend, aber er redet sehr ruhig, fast gleichgültig darüber. Der Plattenbau, sagt er, ist so selbstverständlich, dass er unsichtbar geworden ist. Und meint das ernst. Dann deutet er zum Hochhaus der EZB und spricht von der "Spiritualität des Geldes", die sich da manifestiert. Und meint auch das ernst.

Spricht man ihn auf die Schuld oder besser die Schuldlosigkeit an, die unvermittelt wie ein Blitz freier Erkenntnis in sein Stück hineinzuckt, wird er fast leidenschaftlich. Wer hat schuld daran, dass ich hier lebe? Diese Frage steckt tief drin in "Das blaue, blaue Meer".

Und woher kommt diese Traurigkeit? Die Frage erübrigt sich fast. Wenn man Stockmann fragt, schaut er einen an und sagt lange nichts. Es stimmt, sagt er. Es ist eine tränenlose Traurigkeit, sie steckt tief drin in diesem Text, so wie in den Liedern von Tocotronic, so wie im grauen Wehen unserer Gegenwart. Er weiß es, ich weiß es, aber wir beide wissen, dass das etwas ist, worüber man nicht mehr reden kann. Jedenfalls nicht in der Zeitung. Darüber muss man nicht schweigen, daraus macht man besser ein Theaterstück. Heute Abend, in den Kammerspielen in Frankfurt.

Autor:  Peter Michalzik
Datum:  22 | 1 | 2010
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