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Václav Havel: Der selbstironische Blick

Langer Applaus, schon bevor die Premiere beginnt: Der ehemalige tschechische Präsident Václav Havel und sein neues Stück in Aachen. Von Stefan Keim

Langer Applaus, schon bevor die Premiere beginnt: Václav Havels neues Stück Abgang hatte in Aachen Premiere.
Langer Applaus, schon bevor die Premiere beginnt: Václav Havels neues Stück "Abgang" hatte in Aachen Premiere.
Foto: dpa

Langer Applaus, schon bevor die Premiere beginnt. Václav Havel hat im ersten Rang des Theaters Aachen Platz genommen. Als er in dieser Stadt vor 18 Jahren den Karlspreis bekam, haben ihm Tausende zugejubelt. Als Symbolfigur der Demokratie und Befreiungsbewegung in Osteuropa. 14 Jahre war er Präsident, erst der Tschechoslowakei, dann der Tschechischen Republik. Und zuvor als Dissident fünf Jahre im Gefängnis. Nun ist Havel wieder Autor, sein Stück "Abgang" erlebt an diesem Abend die deutschsprachige Erstaufführung.

Wenn ein ehemaliger Präsident über die Machtentwöhnung eines abgewählten Kanzlers schreibt, hat das eine besondere Note. Dr. Wilhelm Rieger heißt Havels Antiheld in der Übersetzung von Joachim Bruss. Er lebt noch in seiner Staatsvilla, doch der Auszug steht bevor. Riegers ehemaliger Sekretär sortiert schon mal Möbel, Bücher und Gemälde, Boulevardjournalisten fallen ein, die erwachsenen Kinder kommen und gehen, ebenso die Geliebten und die Gärtner. Rieger soll die nächste Regierung öffentlich unterstützen, aber er weigert sich. Das wird sein Verhängnis, denn der unaufhörlich aufsteigende Sieghard Klein - eine Parodie auf den heutigen Präsidenten Václav Klaus, im Original stimmen sogar die Initialen überein - ist ein fieser Intrigant.

Er lässt Rieger verhaften und verhören, setzt ihn so lange unter Druck, bis der Ex-Präsident zustimmt, Berater seines ehemaligen Beraters zu werden. Rieger rechtfertigt sich mit einer laut tönenden Rede. Er habe Politik immer als Dienst verstanden, der Staat müsse für den Bürger da sein. Das sind die Ideale, die auch Havel vertreten hat. Doch hier sind sie nur ein Mäntelchen für Opportunismus und Korruption.

"Abgang" ist ein vielschichtiges Stück, voller Zitate und Verweise, besonders auf Tschechows "Kirschgarten" und Shakespeares "König Lear". Zwischendurch unterbricht die Stimme des Autors die Aufführung und fordert die Schauspieler zur Zurückhaltung und Natürlichkeit auf. Havel scheint zu ahnen, was im Regietheater mit seinem Text passieren kann, und ruft zur Ordnung. Das meint er ernst und selbstironisch zugleich. Havel hat sein Stück vor 18 Jahren konzipiert und weitgehend geschrieben. Seinen Hang zu genauen Regieanweisungen erklärt er damit, dass er so oft im Gefängnis gewesen sei, ohne Kontakt zur Theaterpraxis. Da habe er die Aufführungen im Kopf entstehen lassen und deshalb so viele Details aufgeschrieben. Nach der Aachener Premiere meinte Havel lächelnd, er werde wohl in Zukunft auf Regieanweisungen gänzlich verzichten.

Denn Regisseur Nicolai Sykosch hat sich um die Vorgaben des Autors wenig gekümmert. Aus einem zwischen Melancholie und Satire schillerndem Stück hat er eine bunte Groteske gemacht. Rieger, seine Familien und die Berater tragen die Mode der Sechziger und Siebziger, lange Haare, Zottelbärte, grelle Klamotten. Manchmal singen sie Songs der Rolling Stones, der Lieblingsband Havels. Die Villa ist ein Puppenhaus, dessen Dach sich öffnen lässt, die Bühne ein geöffneter knallroter Mund aus dem eine lange Zunge abgestuft ins Parkett schlappt. Diese Zunge entwarf Andy Warhol einst als Logo für die Stones.

Doch eine fetzige Farce entsteht daraus nicht. Das Stück gibt das nicht her, und für eine konsequente Zertrümmerung fehlt Sykosch der Mut. So wirkt die Aufführung harmlos und im Herzen bieder. Die Schauspieler - darunter der sonst kraftvolle Heinz Kloss als Ex-Kanzler - wirken verkrampft , Witz stellt sich nur in kurzen Momenten ein. Und dann sind es Havels Pointen, die zünden, wenn Rieger das Angebot eines Touristikunternehmens bekommt, auf einer Tour zwischen Schlagermusik delikate Anekdoten aus dem Leben von Staatslenkern zu erzählen.

Die schwache Aufführung wird trotzdem bejubelt. Weil Havel da ist und trotz angeschlagener Gesundheit Charisma und Bescheidenheit versprüht. Am Abend vorher hat er in Bonn den erstmals verliehenen Internationalen Demokratiepreis bekommen, eine Rede gehalten, an einem Bankett teilgenommen. Nun signiert der 72-jährige noch lange nach der Premiere Bücher, obwohl er am Ende kaum noch den Kugelschreiber halten kann. Und nimmt sich auch noch Zeit, ein paar Fragen zu beantworten. Versteht er sein Stück als Abschied von den Idealen eines menschlichen Staates? Taugen die so oft missbrauchten Worte noch zur Formulierung einer Utopie? Havels Blick wirkt müde, seine Worte nicht: "Die Hoffnung ist die Haltung des Geistes." Dann verschwindet er, umringt von Botschaftern und Übersetzern, einem kleinen Hofstaat. Am nächsten Morgen reist er zurück nach Prag.

Theater Aachen: 28. April, 8., 10., 23., 29. Mai. www.theater-aachen.de

Autor:  STEFAN KEIM
Datum:  27 | 4 | 2009
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