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Vivaldi in Basel: Verhext und versext

Vivaldis "Orlando furioso" präsentiert sich als sinnliches Zauberspektakel mit spektakulären Bühnenverwandlungen am Theater Basel. Im Zentrum steht die Zauberin Alcina. Sie verhext und versext jeden. Von Georg Rudiger

Als zu Beginn des dritten Aktes von Antonio Vivaldis "Orlando furioso" der Vorhang aufgeht und der Blick frei wird auf Alcinas von einer langen, geschwungenen Theke umspielten Zauberwintergarten, wird im Basler Theater geklatscht. So ähnlich muss es im 18. Jahrhundert in Opernhäusern zugegangen sein, wenn das Publikum spontan das Bühnengeschehen kommentierte. Spektakuläre Bühnenverwandlungen waren mindestens so wichtig für den Erfolg einer Aufführung wie die gesanglichen Leistungen, die Kostüme wurden nach der Premiere in der Modewelt zum neuesten Trend.

Der australische Regisseur Barrie Kosky und seine kongeniale Ausstatterin Esther Bialas machen in Basel alles richtig. Die körperbetonten Kostüme der Zauberin Alcina (immer Herrin der Lage: Franziska Gottwald) sind eine Augenweide, ihre schicke Villa ist mit Seidentapeten und Steinboden veredelt. Ganz nah in der Gegenwart ist dieser "Orlando" angesiedelt - und doch tief in der Barockoper verwurzelt.

Im Zentrum des libidogesteuerten Treibens steht die Zauberin Alcina. Sie verhext und versext jeden, der in ihre Nähe kommt. In Basel hat diese verführerische Alcina eine Handvoll durchtrainierter und gestylter Lustknaben an ihrer Seite.

Singen und ausgezogen werden

Dennoch zieht sie Medoro (mit leichtem, gelegentlich auch brüchigem Altus: Iestyn Morris) von hinten die Kleider aus, während dieser schwierigste Koloraturen zu bewältigen hat, dennoch zaubert sie Ruggiero (berührend: David DQ Lee) zur sofortigen Paarung zwischen ihre Beine. Das Liebesspiel setzt sich musikalisch fort, wenn David DQ Lees geschmeidiger Countertenor in der betörenden Arie "Sol da te mio dolce amore" von der virtuosen Traversflöte begleitet wird und sich die Stimmen zu eng umschlungenen Linien vereinen. Wie einsam Alcina eigentlich ist, zeigt Franziska Gottwald, hier ganz in violett gekleidet, in ihrer mit dunklem Timbre belegten Arie im zweiten Akt.

Dass dieser "Orlando" so vital, sinnlich und leicht über die Bühne geht, ist auch ganz wesentlich das Verdienst von Andrea Marcon und dem La Cetra Barockorchester Basel. Bei der Begleitung der Arien bewegt sich das Orchester auf Zehenspitzen durch die Partitur, die dramatischen Verdichtungen in den Rezitativen (Cembalo: Giorgio Paronuzzi) werden von den Streichern rau gebürstet.

Auch das darstellerisch präsente Solistenensemble bringt diesen umjubelten Musiktheaterabend zum Blühen. Maya Boogs von Orlando vergeblich ersehnte Angelica zeigt Zwischentöne, Stephanie Hampls temporär um ihren Liebhaber Ruggiero gebrachte Bradamante hat Temperament. Auch Andrew Murphy ist als maulender Pantoffelheld Astolfo an der Seite seiner Glamour-Alcina eine klar gezeichnete Figur, auch wenn er in den Arien deutlich an Tempo verliert. Barrie Koskys Inszenierung hält die Balance und lässt diesem furiosen "Orlando" trotz aller hochkomödiantischen Zuspitzungen die Ruhepunkte.

Im dritten Akt erscheint Alcina im hautengen, grünen Glitzerkleid mit Afrolook. Hochexpressiv bewegt sich die überragende, im ersten Akt noch etwas leise Delphine Galou als inzwischen wahnsinnig gewordener Orlando durch die aufgepeitschten Rezitative, ehe plötzlich eine zweite Alcina auftaucht.

Am Ende tragen alle Personen auf der Bühne das gleiche grüne Kleid und die wilde Perücke. Orlandos Verwirrung der Sinne überträgt sich direkt aufs Publikum. Fantasievoller kann man dieses Verrücktsein und das für die Barockoper so typische Spiel mit den Geschlechtern nicht in Szene setzen.

Theater Basel: 4., 7., 13. 15., 17., 19. Juni. www.theater-basel.ch.

Autor:  GEORG RUDIGER
Datum:  3 | 6 | 2009
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