Kurz vor Schluss hetzt der Franz-Biberkopf-Darsteller Sebastian Nakajew noch einmal über die Tribüne und weist eindringlich auf einzelne Zuschauer: "Deine glückliche Kindheit hätte ich gerne - deine acht Semester Kunstgeschichte - dein Auto - deinen Personal Fitnesstrainer - deine Aktien" usw.
Volker Lösch, der Plakatkünstler unter den derzeit erfolgreichen deutschsprachigen Regisseuren, bricht auch seine neueste Inszenierung "Berlin Alexanderplatz" auf die Neiddebatte herunter. Beziehungsweise: auf das unlösbar schwierige Thema der Ungleichheit, das weder Religion noch Revolution in den Griff bekommen haben und das selbst unter den Bedingungen des Rechtsstaates weiter schwärt.
Schaubühne, Berlin: 18., 19.12., 8., 10.-12.1. www.schaubuehne.de
Seit einigen Jahren integriert der 1963 geborene Wormser immer wieder höchst wirkungsbewusst Randgruppen-Chöre in sein Theater und hat damit so was wie eine Marke geschaffen: Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger wie in den "Dresdner Webern" und in der Hamburger Produktion "Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?", Migranten wie im Stuttgarter "Manderlay" - aber auch "ganz normale" Bürger, die etwa die in Umfragen erhobenen, erstaunlich chauvinistischen Ansichten des Theaterpublikums zum Besten geben ("Wozyeck" in Dresden). Jetzt ist Lösch in der Hauptstadt und an Thomas Ostermeiers Schaubühne angekommen. Auch diesmal soll es knallen: Als Chor hat Lösch, passend zu Alfred Döblins expressionistischem Großstadtroman von 1929, 21 ehemalige Strafgefangene gecastet, darunter drei Frauen.
Knöcheltief ist auf der Bühne ein Kupferbad aus Münzen aufgeschüttet (Bühne Carola Reuther), über dem geschrieben steht: "Du sollst nicht stehlen." Anfangs sitzen die Ex-Outlaws unter uns, natürlich - und zählen, im Chor anonymisiert, ihre verbüßten Straftaten auf: Betrügerei, Geiselnahme, Drogenhandel, Piraterie. Einer hat bei einer "Auseinandersetzung" seine Lebensgefährtin umgebracht - ganz ähnlich wie Döblins Antiheld Biberkopf, der seine Freundin Ida versehentlich einen Tick zu kräftig mit dem Sahneschläger "berührt" haben will. Wieder verschränkt Volker Lösch den auf reine Handlung gekürzten literarischen Stoff mit aus Gesprächen destillierten Biografieschnipseln der Ex-Delinquenten und parallelisiert so Fiktion und Realität: Sind sie nicht alle ein bisschen Franz Biberkopf?
Chor und professionelles Schauspiel klaffen dabei extrem auseinander - Sebastian Nekajew spielt das naive Kraftpaket Biberkopf mit Verve und gewitzter Berliner Schnauze, Eva Meckbach wahrt in der Rolle diverser Frauenopfer die Würde, während David Rulands gemeiner Reinhold, Felix Römers verschlagener Pums und natürlich der soziale Milieuflow den Ex-Knacki zurück auf die schiefe Bahn locken. Einmal unten, immer unten - das ist die Essenz von Löschs Döblin-Lektüre.
Kraftvoll und ohne viel Zwischentönegedöns saut das Quartett über die Rampe - wogegen der Chor der ehemaligen Häftlinge (Leitung Bernd Freytag) sich mit seinen realen Geschichten nur schwer behaupten kann. Allerdings mit dem Vorteil, dass so seine Identifikation mit Biberkopf unterlaufen wird.
Überhaupt liefert der Abend keine Analyse, keine Lösung, keine Anklage des Strafvollzugs und wenig wirkliche Konfrontation. Selbst Löschs erwartbare Lieblingsthese, dass Banker & Co. ein mindestens ähnliches Verbrecherpotenzial aufweisen wie kleine Schufte, verpufft in ein paar Randbemerkungen und im einzigen wirklich inszenierten Bild, bei dem der Chor als Panzerknacker verkleidet mit "Deutsche Bank"-Logo versehene Säcke auf einen Haufen schichtet. Er stellt einfach Material nebeneinander: Nicht allein die Strukturen erzeugen Verbrecher, es gibt auch eine höchst individuelle Lust an der Grenzüberschreitung, am Ausschalten der Regeln.
Und dann erzählt wieder einer, wie sehr er es genießt, die studierten Leute auszutricksen. Da ist sie wieder, die Ungleichheit. Ein letzter utopischer Auftritt, ein simpler Trick, hebt sie kurzfristig auf: Zum Applaus tritt der Chor in dunklen Anzügen auf die Bühne. Siehe da - plötzlich schaut man sich ganz anders in die Augen.