Theater

28. November 2012

Vontobels „Hamlet“: Wir luftschaukeln uns zu Tode

 Von Dirk Pilz
Regisseur Roger Vontobel. Foto: imago stock&people

Eine Pop-Oper: Roger Vontobel hat in Dresden „Hamlet“ inszeniert und setzt seine Ideen zumindest in der ersten Hälfte auch noch ganz passabel um.

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Aber ja doch, das fetzt: Hamlet als Popstar. Wie er schwitzt und sich lässig das linksgescheitelte Haar aus der blassen Stirn wischt! Wie er jeden Ton nimmt, als wäre er eine Luftschaukel, angeschubst von Geisterhand, in Schwung gehalten von zartbittren Melodien, als wollten sie in Wolkenwelten hinauf, oder hinunter. Oh ja, es gibt sehr viel mehr zwischen Himmel und Erde, als sich jede Schulweisheit träumen lässt, Schlimmes, Schönes, Schwummriges. Dieser Hamlet weiß davon zwar nicht zu sprechen, aber immerhin zu luftschaukeln.

Christian Friedel, den die Nichttheatergeher aus Michael Hanekes großen Film „Das weiße Band“ kennen und die Dresdner lieben, seitdem er vor zwei Jahren am Staatsschauspiel in der Inszenierung von Roger Vontobel der Don Carlos war, ist jetzt, wieder bei Vontobel, wieder in Dresden ein Schwitz- und Schaukel-Hamlet. Baut sich im dunkelschwarzen Dreiteiler mit seiner Band Woods of Birnam – vier Musiker, die sonst zu Polarkreis 18 gehören – auf dem Bühnenvorbau auf und nimmt die Musik als Bollwerk wider die inneren und äußeren Nöte. Wo Shakespeare den Geist des toten Vaters auftreten lässt, singt Christian Friedel uns eins: „Say why is this?“ Ja, wozu? Was will uns diese Pop-Theater-Duselei?

Einerseits will das Theater hier nichts sein als ein schickes Pop-Konzert für das Herrscherpaar, Hamlets Onkel Claudius und seine Mutter Gertrud. Dass sie auf der Bühne in einem Logen- und Goldschnörkelbau sitzen, das den Publikumsraum aufnimmt, also vorgeben, Zuschauer zu sein, macht alles, was Hamlet singt und tut und spricht – zu Theater.

Bis zur Pause ist alles sehr schön

Hübsche Idee: Bei Shakespeare ist es nur eine, allerdings zentrale Szene, in der das Theater in seiner ganzen Enthüllungs-, Erschütterungs- und Erkenntniskraft vorgeführt wird. Bei Vontobel ist dagegen alles Theater, alles Spiel, alles Schein. Hamlets Frage ist damit: spielen oder nicht spielen, was bei ihm heißt: singen oder nicht singen? Die Antwort ist schnell gefunden an diesem Pop-Oper-Abend: spielen, also singen. Singspielen, als ob es die These zu illustrieren gälte, dass wir uns zu Tode spielen, wenn alles nur Spiel ist. Als ob wir uns zu Tode luftschaukelten.

Vontobel und Friedel erschaffen sich so einen Hamlet ohne jede Weisheit, eine Figur, die sich nichts zwischen Himmel und Erde träumen lässt. Die ganz und gar allein ist mit ihrer Wut auf den Onkel (der den Vater mordete) und Enttäuschung von der Mutter (die mit dem Mörder ins Ehebett stieg), ihrer Trauer, ihrer Weltentrüstung, ihrer Rachelust. Die also zum halt- und schutzlosen Fanatiker wird, zum Ego-Terroristen. Shakespeares Hamlet ist gefangen (und gehalten) in einem so wahnwirren wie sozialdichten Netz zwischen Himmel und Hölle. Vontobels Hamlet ist gefangen in sich selbst, himmel-, höllen- und netzlos. Der Schweiß dieser Figur, ihr Singen und Stirnwischen sind Symptome einer seltsamen Flucht ins Welt- und Sozialfreie. In dieser Freiheit kann er nicht überleben. Die Tragödie besteht hier darin, sich allem Tragischen entledigt zu haben: Wo alles Spiel ist, ist nur noch Schein.

Auch eine schöne Idee, vor allem schön zeitgeistnah; es schaut auch alles schön aus und hört sich meist schön an. Bis zur Pause. Danach aber, oh weh. Die Band ist weg. Die Schauspieler sind allein mit ihren Worten, Worten, Worten – und fangen an, in den Figuren herumzustochern. Suchen nach Seelentiefen und Gefühlsweiten, nach allem, was das Regiekonzept ihnen zuvor gehörig ausgetrieben hat. Sie suchen dennoch, und geraten in lauter theaterknäckebrothafte Spielnöte. Die Verse (nach der klassischen Schlegel-Übersetzung) klingeln, die Gesten klappern. Wenn Annika Schilling tut, als wäre ihre Ophelia irr geworden, im Flatterhemdchen herumrutscht und sich mit Rotstift den Körper beschriftet, wenn Hannelore Koch ihrer Gertrud mit Bestürzung, Torsten Ranft seinem Claudius mit Nervosität kommt – es sieht immerfort aus, als würde hektisch im Taschenhandbuch für ratlose Darsteller gewühlt. Roger Vontobel lässt die Schauspieler ihre Figuren zu Tode chargieren. Schade drum.

Staatsschauspiel Dresden 6., 12. 12. www.staatsschauspiel-dresden.de

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