Unter den Männerphantasien, die das 20. Jahrhundert ausgebrütet hat, kommt Lulu von einem besonders heißen Ort. Sie ist nichts als das Begehren derer, die sich nach ihr verzehren. Wer sie erkennt, verfällt ihr, wer sie anfasst, stirbt. Lulu ist reiner Sex, fleischgewordenes Verlangen, unschuldig wie ein Kind und groß wie eine Göttin. Sie steht sozusagen am Nullpunkt des Begehrens. Das ist - 1896! - scharf gedacht, empfunden und aufgeschrieben worden von Frank Wedekind.
Aber die Fleischwerdung der Lulu war doch immer ein Problem. Es gibt kaum eine Rolle, wo das Casting schwieriger ist. Eine Frau, die reine Phantasie ist, wie kann die von dieser Welt sein? So eine fällt auch im Stadttheater für gewöhnlich nicht vom Himmel bzw. aus dem Schnürboden. Dazu kommt inzwischen die Konkurrenz der modernen Begehrensindustrie, für die Lulu eine Ur-Mutter darstellte, würde sie davon wissen wollen. Aber die Models und Next Top-Models sind längst über ihre Ahnin hinausgewachsen und die gewaltige Verführungskonkurrenz macht die Suche nach einer Lulu-Darstellerin auch nicht einfacher.
Kathleen Morgeneyer ist eine zerbrechlich wirkende junge Frau. Die Zeitspanne, während der sie in Frankfurt ein Business-Kostüm trägt, muss man in Sekundenbruchteilen messen. Schnell hat sie nur mehr ein sensationelles lila Höschen an und eine Menge Goldketten, bald darauf nur noch die Ketten. Diese schmale, nackte Person muss auf der großen Bühne des Großen Hauses die gesamte Macht der Verführung schultern, die gut 700 Augenpaare aushalten und das gleißende Licht überstrahlen. Und dabei ganz naiv und natürlich sein. Das ist die schwerste Last: die der Unbeschwert- und Unbewusstheit.
Morgeneyer wirft sich tollkühn in die Lulu. Zehn Minuten braucht sie, dann hat sie den Raum erobert und sich gefunden. Und von Anfang an geht sie aufs Ganze. Sofort hat sie den Fuss am Glied (von Dr. Goll) und bald tanzt sie mit ihrer Möse auf einer Flasche (nachdem Goll, ihr erster Mann, das Zeitliche gesegnet hat).
Kantig, vogelartig, verstakst
Stirbt einer ihrer Männer, denkt sie, dass er sie satt hat und tanzt um ihn zu becircen. Diese kantige, vogelartige, verstakste Lulu umgurrt und umsirrt sich am liebsten selbst. Morgeneyers Lulu ist wie ein präpubertäres aber durchgesextes Kind, das seine bleiche Haut bewundert wie wenn sie wüsste, dass sie reine Projektionsfläche ist. Das ist kühn gedacht. Es gibt nur ein Problem: Erotisch ist es nicht.
Auch von Regisseur Stephan Kimmig ist es sehr mutig, die "Lulu" so aufzufassen. Da an sich keine Erotik da ist, muss hier alles gespielt werden. Das scheint Absicht: Ihre Kostümierung bleibt zurückhaltend, geschminkt ist sie gar nicht, die Bühne von Martin Zehetgruber ist weiß, weitgehend requisitefrei und die Wände bewegen sich widerstandslos. Alles ist hier Behauptung, alles muss im Auge des Betrachters entstehen, nichts ist einfach so da. Das ist zwar wedekindisch im allerbesten Sinn, aber da liegt die Latte doch extrem hoch: Die Kunst der Verführung unter Verzicht auf Primär- und Sekundärreize!
Damit beginnen die Probleme der knapp dreistündigen Aufführung. Dramaturgisch gesehen taugte Wedekinds Stück noch nie viel, es besteht aus einer schnell enervierenden Kette von verführten Männern. Dem wurde noch keine Aufführung Herr, selbst Peter Zadeks berühmte von 1988 nicht. Michael Goldberg als Maler Schwarz verkörpert in Frankfurt die Verheerungen der Lulu-Verehrung am Anfang großartig, dann aber beginnt die Männer-Reihe abzufallen. Da wird die Schwäche von Wedekinds Text gnadenlos deutlich. Schon Till Weinheimers Schöningh ist so beherrscht, dass man nicht glaubt, dass er den Kopf verloren und Lulu geheiratet hat. Insgesamt bewegen sich die vielen Herren bei Kimmig in der klassischen Männer- und Rollentradition. So sieht und hört man, wie das alles mal gedacht war, Anflüge von Vitalismus, Erotismus und Amoralismus. Aber diese Herren vermögen den Irrsinn, den Lulu in ihnen anrichtet, nicht zu zeigen. Auch da ist von Eros nicht viel zu sehen.
Die Aufführung, darin nah bei Wedekind, bewegt sich etwas unentschieden im Krass-Komischen. Die Paris-Sequenz, wenn hier auch hübsch eingeleitet durch einen Song Carla-Bruni-Song, verflackert im Belanglosen. Interessant wäre da die Gräfin Geschwitz. Unerklärlicherweise bleibt diese Frau, die sich nach Lulu bis zur absoluten Selbstaufgabe verzehrt und dabei doch eine eigenartige Würde behält, bei Constanze Becker in sich selbst stecken. Becker lässt an diesem Abend so gar nichts nach außen.
Blond, clean, sanft
Kimmigs Aufführung fehlt eine sichtbare Idee. Und "Lulu" ist ein Stück, das offenbar nicht ohne auskommt. Die einzige geglückte "Lulu" der letzten Jahre ist die von Michael Thalheimer. Der hatte bei seiner Fassung, Hamburg 2004, eine simple, klare Vorstellung: Lulu wurde immer selbstbewusster, Männer immer schlappschwänziger. In der Kammer, die Lulu in London bewohnt, ihrer letzten Station, liegt jetzt in Frankfurt ein gewaltiger Berg von nackten Schaufensterpuppen als Leichenhügel. Das sieht nach Idee aus, ist aber opernhaft-unangemessen, nichtssagend und erschlägt jede andere Regung der Aufführung. Torben Kesslers Jack the Ripper, taucht hier als cleane, blonde Figur auf, bedrohlich sanft, der Mörder Lulus. Aber worauf ist er die Antwort?
Vielleicht soll Lulu in der Auflösung verenden, aus der sie gekommen ist. Denn selbstverständlich, so möchte man in diesen Tagen mit Bitternis hinzufügen, ist Lulu in ganz jungen Jahren von ihrem Vater missbraucht worden.
Schauspielhaus Frankfurt: 29. März, 2., 4., 5., 21.-23. April.