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Wiener Burgtheater: Das Schlingern der Klassiker

Neue Inszenierungen am Wiener Burgtheater von Stefan Bachmann und Alvis Hermanis. Das Haus ist perfekt eingerichtet - und zugleich eine Rumpelkammer. Von Stephan Hilpold

Eine mehrstündige Familie bevölkert jetzt manchmal abends die Wiener Burg.
Eine mehrstündige Familie bevölkert jetzt manchmal abends die Wiener Burg.
Foto: Georg Soulek/Burgtheater

Das Haus ist sorgfältig eingerichtet. Es ist ein perfektes Haus, über zwei Stockwerke geht es, und es ist zugleich eine Rumpelkammer. Oben unterm Dachgiebel steht noch das Dreirad, auf dem die Kinder vor 30 oder 40 Jahren durch die Zimmer gerollt sind. Doch jetzt sind die Fenster verhängt, mit schwarzen Müllsäcken, durch die kein Licht dringt. Wer hier wohnt, der lebt in der Vergangenheit. Das Haus, dessen Querschnitt die Bühnenbildnerin Monika Pormale ins Wiener Akademietheater gestellt hat, möchte mehr sein als nur ein Haus. Es möchte das Inbild einer Familie sein, die einmal jung und hoffnungsfroh war und die neuesten Platten von Eric Clapton hörte und die jetzt am Endpunkt angekommen ist. Der Vater ein Trinker, die Mutter tablettensüchtig, die drei Töchter mehr oder weniger unglücklich und aus dem Haus.

Das Haus möchte aber auch ein Stückchen Amerika symbolisieren, dessen Träume zerplatzt sind, aber das sich doch noch stark gibt und unnachgiebig. Und, vielleicht, denkt man sich, ist dieses Haus auch ein bisschen wie das Burgtheater, so voll gestopft mit Dingen und Erinnerungen.

Burgtheater

Tracy Letts, Eine Familie, 2., 8., 10., 12. November, Akademietheater. Alfred de Musset, Lorenzaccio, 6., 14., 22. November.

www.burgtheater.at

Seit zwei Monaten werkt an der Burg ein neuer Intendant, Matthias Hartmann, der aus Zürich gekommen ist und gerade dabei ist, sein eigenes Plätzchen zu finden in dieser großen Hütte Burgtheater. Er macht das ohne großen Radau und ohne das, was war, zu entsorgen. Die meisten Schauspieler, die unter dem vorigen Intendanten Klaus Bachler schon da waren, sind es immer noch, auch viele der neuen Regisseure sind alte Bekannte.

Die heiße Luft, die Hartmann bei seinem Amtsantritt aufwirbelte, indem er beide Teile von Goethes Faust inszenierte, hat sich schon wieder gelegt. Das Haus steht noch, und es will mit neuem Leben gefüllt werden. Nach einem ziemlich lustlosen Struwwelpeter (Regie: Stefan Pucher) und einigen Übernahmen aus Zürich (Amphitryon, Immanuel Kant), zogen an diesem Wochenende gleich zwei neue Inszenierungen in die alten Gemäuer ein.

Zwei Klassikerinzenierungen, auch wenn Tracy Letts "Eine Familie" gerade erst einmal zwei Jahre alt ist. Doch genauso wie im überdimensionierten Puppenhaus im Akademietheater alles zu finden ist, was nun mal zu einem gut sortierten Haus gehört, kommt auch in dem im vergangenen Jahr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetem Stück des amerikanischen Dramatikers alles vor, was zu einem Klassiker gemeinhin dazugehört. Das Stück ist, wenn man so will, eine Kreuzung aus Shakespeares König Lear und Tschechows Drei Schwestern, mit einem kräftigen Schuss ONeill und einer Prise Tennesse Williams. Selbst die Länge hat Klassikerformat: Fünf kulinarische Stunden benötigt Regisseur Alvis Hermanis, bis der Drache des Hauses, die verschlagene und dabei so kongeniale Kirsten Dene, ihre ganze Sippschaft vertrieben hat.

Er lässt sich für das Drama aus Oklahoma viel Zeit: Er inszeniert das im Plauderton einer durchschnittlichen amerikanischen Sitcom geschriebene Stück als arbeite er an einer Musterinszenierung von Stanislawskischem Zuschnitt. Für die Schauspieler ist das ein Fest, Dörte Lyssewski verwandelt sich von Stunde zu Stunde deutlicher in das Abbild ihrer Mutter, Sylvie Rohrer spielt alle Facetten des welken Mauerblümchens aus, Dorothee Hartinger drückt ob ihres pädophilen Verlobten beide von der Sonne Floridas gebräunten Augen zu. Kein Thema der Weltliteratur (Sparte Familiendrama) wird ausgespart, jede Pointe ausgespielt. Am Ende weiß man nicht mehr, ob das Stück eher Tragödie oder Boulevardkomödie ist, letztendlich ist das aber egal. Ein Stück Broadway ist an diesem Abend in das Wiener Akademietheater eingezogen.

In der Burg, am Abend zuvor, war es noch ein amoralisches Stück Gegenwart. Das Drama, das hier gegeben wurde, war wirklich ein Klassiker, "Lorenzaccio" von Alfred de Musset, das 1834 geschriebene Paradestück der französischen Romantik. Es spielt im Stadtstaat Florenz in der italienischen Renaissance, doch Regisseur Stefan Bachmann lässt keinen Zweifel aufkommen, dass er unsere Gegenwart im Visier hat. Sie skizziert er als ein durch und durch amoralisches Zeitalter, das weniger durch idealistische Ideale als durch die Zuckungen in der Hose geformt wird. Gegen den Reiz der schlechten Sitten kommt keine aufrechte Haltung an. Mit Michael Maertens in der Titelrolle eines modernen Brutus hat diese Haltung ihre perfekte Verkörperung gefunden.

Er ist einer der wendigsten, modernsten Schauspieler auf unseren Bühnen. Hat der Begriff Camp je Sinn gemacht, dann für diesen Schauspieler, der die Grenze zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie zu einer faszinierenden Schlingerpartie macht. Er spielt das Spiel der allgemeinen Verstellung am Hofe des feisten Herzog Allesandro (Nicholas Ofczarek) so lange, bis er zum perfekten Abbild dessen geworden ist, was er verabscheut. Reißt er irgendwann seine Maske herunter, dann kommt darunter nicht der Altruist zum Vorschein, sondern der von den Verführungen der Macht korrumpierte Mitläufer.

Aber Gut und Böse sind keine Kategorien, mit denen Bachmann allzu viel anzufangen wüsste. Er zelebriert die Amoralität so genussvoll, dass man jeden Widerstand gern aufgibt. Ändern wird sich auch nach geglücktem Tyrannenmord wenig, daran gibt es am Ende dieses Abends keinen Zweifel. Bis dahin hat man sich aber drei gute Stunden an ihm satt gesehen.

Autor:  Stephan Hilpold
Datum:  2 | 11 | 2009
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