Viel lässt sich erzählen darüber, aber schweigen wäre die würdigere Reaktion. Alles Reden hat die Neigung, Geschwätz zu werden, das Reden über Kunst zumal. Das ist ja die dauernde Not des Kunstberedens, auch der Theaterkritik.
Noch einmal von vorn, neuer Versuch. Es gibt eine kleine Anekdote über Robert Schumann. Er hatte eine schwierige Etüde gespielt, und einer seiner Schüler wollte wissen, ob er sie erklären könne. Ja, antwortete der Komponist – und spielte sie ein zweites Mal.
In dieser Anekdote steckt der tiefere Witz aller Kunst: ihre Unergründlichkeit, die sich dem Geschwätz entzieht. Das ist banal. Das ist eine Wahrheit. Das vergisst man leicht, weil es viel Kunstgewerbe und selten Kunst gibt, die einen daran erinnert, gerade im Theater.
Anna Viebrocks Bühne von „+–0“, ist rechter Hand ein maroder Sportsaal und linkerhand ein Vereinsraum. Tafeln hängen an der Wand, hinter Gitterfenstern liegt ein unbekanntes Dunkel. In einer Ecke steht ein Megafon. Einmal hockt sich Marc Bodnar davor und erzählt die von Jorge Luis Borges überbrachte Geschichte vom „Sandbuch“, dem unmöglichen Buch ohne Anfang und Ende. Sie hört einfach auf, das Megafon ist empört.
Das ist das Muster des Abends: Etwas fängt an, dann hört es auf, als ob den Figuren wieder einfiele, dass mit Geschichtenerzählen und Wortemachen kein Weiterkommen ist. Wenn etwas aufhört, fängt bei Marthaler die Musik an. Das Summen und Singen. Jeder Ton dient als Schutzschild, als Unterstand gegen alle Unbill des Lebens. Rosemary Hardy kriecht in eine Hundebox und singt eine Puccini-Arie. Jürg Kienberger verzieht sich hinter die Gitterfenster und bearbeitet seine Wasserglas-Tonsammlung.
Die Stille ist das Wesentliche
In Zweiergruppen singen sie einander in die Gesichter Brahms, Deutsches Requiem: „Denn wir haben hie keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir“. Ein scharfer Klingelton setzt dieser Brahms-Begehung ein jähes Ende. Später singen sie es noch einmal, bis plötzlich das Licht ausgeht, bis Stille ist.
Die Stille ist das Wesentliche an diesem Zweieinhalbstundenabend, neben der Musik. Marthaler hat seinen Figuren das Neckische ausgetrieben, die gestischen Kalauer, die Drolligkeiten. Er hat sich in musikalische und meditative Regionen zurückgezogen, in Geistes- und Seelengebiete des Schweigens. Diese Inszenierung ist fast mönchischer Natur. Sie erfordert Konzentration, Wille zur Meditation, zum Einlassen auf die Schwebezustände am Nullpunkt. Das ist die Verbindung zu Grönland, zum ewigen Eis, zur baumlosen Kälte.
Lange hört man am Anfang Getrappel, Fußscharren aus einem fernen Draußen. Lange dauert es, bis sich die Schausänger aus ihren Fellhüllen geschält haben, lange hocken sie nur um den Tisch herum. Leise, langsam bricht die Musik aus ihnen heraus, werden aus Gesten musikalische Gestalten. Grönland und die Eisschmelze, das kommt auch vor. Bettina Stucky trägt einen Ausschnitt aus Alfred Döblins Roman „Berge, Meere und Giganten“ vor, der von der „Enteisung Grönlands“ handelt. Zwei grönländische Schauspielerinnen sind dabei, die dänische Gesetzanweisung von 1782 zum Verbot des Umgangs mit Grönländern wird vorgetragen. „World Climate Summit“ schreibt Sasha Rau an die Tafel.
Dieser Abend weiß genau, was Klimawandel, Weltverschmutzung, Natur- und Menschenausbeute bedeutet – und fürchtet, was das für den Seelenhaushalt des Einzelnen heißen mag. Marthaler hat noch nie zur Tat, immer schon zum Eingedenken gerufen. So klar und kalt, so demutsreich und menschenherzenswarm zugleich aber hat er unsere Regionen der Einsamkeit bislang nicht besungen. „+–0“, der neue Marthaler: ein Exerzitium, Einübung in die Sterblichkeit, Sturmangriffe gegen sie, auch das. Ja, so groß, so umfassend ist dieser Abend. Marthaler ist für ihn an den eisigen Rand der Welt gereist. Er hat uns eine augen-, ohren-, sinnenöffnende Figuren-, Ton- und Bildinstallation im Basislager des Daseins mitgebracht, eine musikalische Meditation über die „allem endlichen Leben anklebenden Traurigkeit“. Das ist eine Formulierung Schellings, die George Steiner in seinem Essay „Warum Denken traurig macht“ viel zitiert. Auch das wird, kurz, beiläufig, auf der Bühne verlesen. Das indes wäre nicht nötig gewesen, das hatte man längst verstanden, wenn man es überhaupt verstehen kann.
Museumsquartier, Wien: 14. und 15. Mai. www.festwochen.at.