Der Laufsteg ist ein alter, abgewetzter Teppich. Farblich ist er wunderbar auf die Mode abgestimmt, die auf ihm präsentiert wird: tristes Grau, dumpfes Braun und welkes Grün. Nur einmal darf eines der "Models" eine Jogginghose in einem starken Rot-Ton präsentieren. Es ist der Schauspieler Jürg Kienberger, die Haare stehen ihm zu Berge, und er hat das Jogging-Oberteil unter die Hose gesteckt. Wie allen anderen Kleidervorführern entweicht ihm kein Lächeln.
Die Parade modischer Tristesse, die Regisseur Christoph Marthaler zu Ende seiner neuen Regiearbeit "Riesenbutzbach. Eine Dauerkolonie" inszeniert, ist der Höhepunkt eines zweieinhalbstündigen Durchhalteprogramms. "Leben wir in einer Zeitenwende?", fragt der Kassawart Bernhard Landau immer wieder mit monotoner Stimme, und es ist klar, dass die Antwort "Ja!" lautet. Der Tresor geht nicht mehr auf, die Möbel werden verkauft, die Raben krächzen im Gebälk. Marthaler hat sich der Wirtschaftskrise angenommen, und was dabei herauskommt, ist ein Abgesang auf die bürgerliche Wohlstandswelt.
Den Wiener Festwochen beschert er damit einen aktuellen Auftakt. Die Schauspieldirektorin (und langjährige Marthaler-Mitstreiterin) Stefanie Carp hat das fünfwöchige Luxusfestival als eine riesige Leistungsschau des internationalen Theaters programmiert. Luc Bondy darf sich Intendant nennen, wohlklingende Namen geben sich die Klinke in die Hand, verschiedene Programmschienen signalisieren Zeitgenossenschaft. Die Geldtöpfe sind in Wien noch gefüllt, auch wenn die Ausstattung zu Beginn des Festivals anscheinend von Caritas und Humana kommt.
Die Wohlstandskultur existiert bei Marthaler nur mehr in Rudimenten. In Anna Viebrocks riesigem Wohnzimmerbunker kleben auf den billigen Nachkriegsmöbeln bereits Verkauft-Schilder, in den drei anliegenden Garagen ziehen nach und nach die Bewohner ein. Lebensraum ist teuer, die Autos sind verkauft, was bleibt, sind die Garagen und fallweise gute Laune. "Staying alive" von den Bee Gees ist das Durchhaltelied für triste Stunden. Dann rockt die Garage, und die Bewohner des Marthalerschen Mikrokosmos fallen sich um den Hals.
Dabei möchte Marthaler gar keine gute Laune verbreiten. Der Entschleunigungs-Regisseur zeigt eine Welt, in der die Hoffnungen verloren gegangen sind. Seine in der Dramaturgie eines Liederabends gehaltene Inszenierung versucht sich an einer Phänomenologie der Krise. Die Möbel werden liebkost, die Nachbarn ignoriert. Der Geschäftsmann des Ueli Jäggi hat 500 000 Euro verspekuliert und radiert seine Familie aus. "O welche Lust", summen die Schauspieler mit Beethovens "Fidelio", und es wird klar, dass Umbrüche ein ganzes Arsenal an Energien freisetzen. Doch Marthaler lässt ihnen die Luft raus.
So groß das Thema, das sich der Schweizer diesmal gewählt hat, so zahm ist sein Zugriff. In "Riesenbutzbach" blickt er mit einer Vergrößerungslupe auf die letzte Kolonie von Wirtschaftsgeschädigten. In Butzbach hat der Schriftsteller Georg Büchner gelebt, doch in den Studios der Filmstadt auf dem Wiener Rosenhügel (hierher hat es die Wiener Festwochen zum Einstand des Festivals verschlagen) steht Butzbach für die Schrebergartensiedlung in uns allen. Marthaler bricht den globalen Kehraus gewissermaßen auf die Verwerfungen in der guten Stube runter.
Das bringt eine ganze Reihe an schönen Beobachtungen und eingängigen Bildern mit sich. "Was kann ich dafür, dass ich mich mit meiner Gucci-Jacke identifiziert habe!", bringt eine der Bewohnerinnen der Kolonie die Misere auf den Punkt. Was bleibt, ist die Altkleidersammlung. Doch die Spartipps der Marthaler-Familie sind höchstens für ein paar Lacher gut.
In Viebrocks Guckkastenbühne vermisst man die seziererischen Fähigkeiten, die Marthaler sonst zu eigen sind. Wirklich hintergründig und entlarvend ist dieser Abend nicht. Er spielt die Krise klein. Das Monteverdi-Duett aus der "L'Incoronazione di Poppea" schmeichelt sich derart ins Ohr, dass man nur mit den Achseln zuckt, wenn Raphael Clamer und Clemens Sienknecht tödlich getroffen zu Boden sinken.
Aber vielleicht hat man sich einfach schon zu sehr an Marthalers nostalgischen Theaterkosmos gewöhnt: an seine Schönheiten, die vergessen machen, von welchen Gemeinheiten sie erzählen. Nach Wien wird der Abend nach Neapel weiterziehen, und anschließend auf den Festivals von Athen bis Avignon zu sehen sein.
Auf Festivals sind auch zwei andere Stücke gern gesehene Gäste, die jetzt in Wien gezeigt wurden. Zum einen das bereits vor fünf Jahren entstandene Solo "The Andersen Project" von Robert Lepage, in dem der kanadische Theatermacher klug-ironisch und sehr witzig über einen Autor erzählt, der ein Stück über Hans Christian Andersen schreiben muss, und Bruno Beltraos "H3". Der 29-jährige brasilianische Choreograf hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Liebling der internationalen Tanz- und Theaterprogrammatoren gemausert. Zum einen, weil er auf der Straße sein tänzerisches Handwerk gelernt hat und mitbringt, was man als Street-Credibility bezeichnet, und zum anderen, weil er mit internationalen Festivalformaten wunderbar kompatibel ist.