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Wiesbadener Theaterbiennale: Das Leben ein Traum

Starke Stücke und Inszenierungen bei der Wiesbadener Biennale "Neue Stücke aus Europa". Bei der 10. Ausgabe sind 42 Vorstellungen in Wiesbaden und zum zweiten Mal auch in Mainz zu sehen. Von Judith von Sternburg

Der jüngere Bruder in Jana Borissowas Angenehmschrecklich bei der rhythmischen Sportgymnastik.
Der jüngere Bruder in Jana Borissowas "Angenehmschrecklich" bei der rhythmischen Sportgymnastik.
Foto: Lena Obst

Hier geht es fast immer um das private Leben, das aber nie im leeren Raum stattfindet. Zwei junge Bulgaren erinnern sich kichernd daran, wie ihr Onkel sich damals auf die Brust schlug und rief: "Jetzt bricht die Welt zusammen." Eine irische Fabrik macht dicht, und der Gockel von Vater ist nurmehr ein armer Tropf. Das frohe serbische Mädchen wird zum Gewaltopfer in einer Umgebung, in der männliche Zwerge anscheinend keine andere Möglichkeit sehen, mit ihren Minderwertigkeitskomplexen fertig zu werden.

Denn hier geht es um große private Fragen - Was soll ich hier? Wo soll ich hin? -, die aber nicht in Betroffenheitsdramen münden. Es darf gelacht werden, und gestaunt über den Aufwand, den die einen effektvoll treiben und ohne den die anderen wunderbar auskommen bei der 10. Ausgabe der erst Bonner und inzwischen Wiesbadener Theaterbiennale "Neue Stücke aus Europa". 42 Vorstellungen in Wiesbaden und zum zweiten Mal auch in Mainz.

Die Biennale

Neue Stücke aus Europa: bis 27. Juni. www.staatstheater-wiesbaden.de

Am Minimalistischsten kommt Jana Borissowas "Angenehmschrecklich" daher, mit dem das Teatr 199 Valentin Stojtschew aus Sofia zu Gast ist. Galin Stoew führt Regie. Auf der Wiesbadener Studio-Bühne stehen bloß ein paar Bänke, zwischen denen sich das sagenhafte Gartenmodell befinden muss, mit dem die verstörte Emma ihr Leben im Griff halten will. Nun haben sich zwei Brüder in sie verliebt. Der Ältere, Erfolgreichere und Schönere wird sich zum Verzicht durchringen und damit auch seine momentane Freundin glücklich machen, in einem atemberaubend zarten Moment. In ihn ist auch ein skurriler Chordirigent verwickelt, denn der Jüngere, Erfolglosere, mit Segelohren Ausgestattete hat wider Erwarten ein ausgeprägtes musikalisches Talent an sich entdeckt.

Gutmütigkeit ist nicht Blödheit

Auf der Bühne singt der Schauspieler nicht, zeigt aber eine Übung in rhythmischer Sportgymnastik. Man kann nicht umhin, sich vorzustellen, wie er das als Kind lange geübt haben muss. Es sieht lustig aus, wenn ein großer Mann ein rotes Band sausen lässt, während er umherspringt, aber auch wahnsinnig schön. "Angenehmschrecklich" ist nicht ohne Witz, aber ohne Zynismus. Es weist nach, dass Gutmütigkeit und Blödheit, Menschenliebe und Kitsch nicht dasselbe sind.

Gleich darauf ist die Bühne des Kleinen Hauses für Michael Wests "Free Fall" in einer Inszenierung von Annie Ryan technisch ungleich höher aufgerüstet worden. Es gibt zahlreiche Videoeinspielungen, man sieht einen Hauptdarsteller, der von der Schwierigkeit, ein Kind spielen zu müssen, deutlich überfordert ist. Aber auch der Beitrag vom Corn Exchange in Dublin entfaltet einen großen Blick auf das individuelle Leben. Bald begreift man, dass der Mann im Pyjama mit einem Infarkt im Krankenhaus liegt. Er ist verwirrt, er träumt. Aus der Kindheit schleppt er den frühen Tod der Mutter und die Trennung von seiner Schwester mit sich. Er stellt sich vor, dass seine Frau, die selbst als Kind adoptiert wurde, die verlorene Schwester sein könnte. So hilflos ist er in seinem Wahn, dass sich die Ungeschicklichkeit des Darstellers in einen Vorteil verwandelt und den plausiblen Ausdruck einer vermurksten Kindheit und eines vermurksten Erwachsenseins. Eine andere, darstellerisch krassere, technisch noch üppigere Variante davon zeigt das Théâtre National aus Brüssel in der Produktion "Der Kummer des Oger" mit jungen Schauspielern als Teenagern. Fabrice Murgia hat den Albtraum eines Amokläufers in spe und eines Mädchens im Koma geschrieben und selbst inszeniert - Wie allerdings soll man das nachspielen, ohne nicht auch sämtliche Videotricks zu übernehmen?

Denn hier soll es zwar vor allem um die Stücke gehen, aber die Inszenierungen und die Schauspieler schieben sich selbstbewusst dazwischen. "Das Puppenschiff" von Milena Markovic, aufgeführt vom Theater in Novi Sad unter der Regie von Ana Tomovic , ist eine reizvolle Verbindung von Märchenstoffen und der unromantischen Tatsache, wie schnell das Leben vorüberjagt. Aber frappierend wird es durch die Hauptdarstellerin Jasna Duricic, die vom Kind bis zur alten Hexe, von der Misshandelten bis zur Königin einen Gewaltmarsch durch alle Fächer vorführt. Ihr Lächeln, das im Glück schon das Leid, in der Kindlichkeit schon die Gier nach mehr, in der Bitterkeit noch die Intensität vergangener Hoffnung in sich trägt, überdauert den Abend bei weitem, wie man inzwischen feststellen konnte.

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  23 | 6 | 2010
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