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Wiesbadener Theaterbiennale: Fischotters Element

Es ist eine Brachialkritik an der fortschreitenden Verblödung durch Unterhaltung: David Drábeks Stück "Kunstschwimmer". Die deutschsprachige Erstaufführung ist geglückt. Von Judith von Sternburg

Erschöpft: die Kunstschwimmer im Wiesbadener Theater.
Erschöpft: die Kunstschwimmer im Wiesbadener Theater.
Foto: Lena Obst

In David Drábeks Theaterstück "Kunstschwimmer" verwandelt sich ein Mensch in einen Fischotter. Im Wasser, sagt er (als er noch sprechen kann), habe er sein Element gefunden. Glücklich der Mann, dem sich im Verzagen über eine ihm unbegreiflich werdende e Welt eine solche Alternative auftut. Indem jedes Kind weiß, dass es das in echt nicht gibt, ist das allerdings deprimierend. Was kann das für eine Umgebung sein, in der der bestmögliche Zustand der eines Fischotters ist.

Die deutschsprachige Erstaufführung von "Kunstschwimmer" ist eine Folge der Wiesbadener Theaterbiennale "Neue Stücke aus Europa", wo es bereits 2006 in der tschechischen Uraufführungsinszenierung zu sehen war. Nun stellt sich Tilman Gersch der Handlung, die praktische Herausforderungen bereithält.

In erster Linie sind das die Auftritte der Kunstschwimmer. Während Drábek sich vorstellt, dass man ihre Füße aus dem Becken ragen sieht, lässt Gersch das Trio einfach in dem leeren Pool tanzen, der hier die gesamte Bühne (eingerichtet von Andreas Auerbach) einnimmt. Schleusentüren geben hinten den Blick auf bürgerliche Wohnungen frei, sofern es zwingend notwendig ist.

Der Pool ist groß, die Menschen sind klein. Wenn Michael Birnbaum, Michael Günther und Lars Wellings hier tanzen (man ahnt die Unterwasserchoreografie), dann ist das nicht nur rührend, sondern auch mitreißend. Lächerlich die Bloßlegung des menschlichen Körpers und schön die ernsthafte Begeisterungsfähigkeit. Daraus entsteht ein kleiner Zauber, der keine Lichteffekte braucht.

Die Aufwertung und Länge dieser Szenen bekommt den anderthalb Stunden sehr. Rund um ihr Hobby lernen wir die drei in ihrem eher trübsinnigen Alltag kennen. Lars Wellings spielt den Lehrer, dessen Pessimismus über alte rote Seilschaften und neuen Konsumwahn groß und dessen Ehe schon über die Kippe hinaus ist.

Man sieht hier das selbstgemachte und doch unabwendbare Unglück solcher Geschichten. Michael Günther spielt den Moderator einer idiotischen Karaoke-Sendung, dem seine Bisexualität ebenso zu schaffen macht wie seine saudumme Freundin (Verena Güntner, der Situation völlig hingegeben). Michael Birnbaum ist der künftige Otter, der als Mensch die Welt nicht mehr verstand.

Fortschreitende Verblödung

Drábeks Brachialkritik an der fortschreitenden Verblödung durch Unterhaltung ist gewiss auf tschechische Verhältnisse gemünzt. Aber die Illustrierte, die beispielhaft ins Bild kommt, kennen wir auch und werden uns ohnehin leicht orientieren. So gut sogar, dass manches lapidar wirkt. Umso auffallender ist, wie markant Gersch die Szenen ausgefeilt hat, etwa Evelyn M. Fabers Auftritt als unglückselige Karaoke-Teilnehmerin. Wenn er die Sache nicht ernst nehmen würde, könnte er sie, müsste er sie bleiben lassen.

Die insgesamt prachtvolle darstellerische Leistung bricht sich nicht zuletzt in Birnbaums Otterhaftigkeit Bahn. Sie ist anantomisch eindrucks- und vermutlich auch aufopferungsvoll.

Staatstheater Wiesbaden, Kleines Haus: 19., 24., 31. März. www.staatstheater-wiesbaden.de

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  16 | 3 | 2010
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