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Wutorgie wider den Krieg: Geile Götter, böses Blut

„Homers Ilias/Achill in Afghanistan“ inszeniert Volker Lösch am Staatstheater Stuttgart als moralisch korrektes Entlarvungstheater. Doch was erwärmt daran die Stuttgarter Seelen?

Svenja Wasser, Till Wonka, Jan Jaroszek, Bettina Wiehler und Katharina Behrens bei den Proben für den afghanisierten Homer.
Svenja Wasser, Till Wonka, Jan Jaroszek, Bettina Wiehler und Katharina Behrens bei den Proben für den afghanisierten Homer.
Foto: dpa

Manchmal fährt man in eine Stadt, geht ins Theater und versteht die Welt nicht mehr. Stuttgart zum Beispiel. Über dem Theater droht seit längerem eine Faust. Aber welcher Kampf wird hier verheißen? Innen gibt es moralisch korrektes Entlarvungstheater und nach vier Stunden Spielzeit frenetischen Applaus. Was hatte hier die Stuttgarter Seelen so gewärmt, dass sie derart aus dem Häuschen waren? Ist diese theatrale Erbautheit wirklich Ergebnis des ungebrochenen Glaubens an die moralische Anstalt? Das ist so verwirrend wie die unklaren Frontverläufe bei Stuttgart 21. Und dann verpflichten sie ab 2013 in Stuttgart auch noch den Berliner Gorki-Intendanten Armin Petras als ihren nächsten Intendanten, der – bestimmt wahrheitsgemäß – sagt, dass ihm nichts fremder ist als dieses Stuttgart.

Im Theater bei „Homers Ilias/ Achill in Afghanistan“ geschah Folgendes. Erster Teil. Auf mehreren Ebenen wurde a) die Ilias abgehandelt, b) Einsprengsel aus Interviews mit Afghanistansoldaten gesprochen. Die Ebenen der Ilias waren: a) die Götterwelt. Die Götter sind so geil und machtgeil, wie es sich Menschen nicht trauen würden; b) die bekannten Helden im Kampf vor Troja. Sie brüllen, rennen und sind von heftiger Art; c) die versammelten zwölf Schauspieler tragen als Chor Verse der Ilias vor, wodurch man a) etwas von der Übersetzung von Raoul Schrott hört und b) der Versfuß einen gefangen nimmt.

Dazwischen die Afghanistan-Interviews, authentische aber eben auch absehbare Berichte aus dem Kriegsgebiet. Vorgetragen auf einem großen, ebenso breiten wie tiefen Holzpodest. Man muss trotz der MGs mehr an Shakespeare-Hexen als an Homer-Helden denken. Man denkt hier überhaupt sehr viel, versucht Verbindungen zwischen Ilion und Afghanistan herzustellen, geht aber innerlich nicht mit.

Zweiter Teil, der Sinneswandel des zornigen Achill durch den Tod des Patroklos: Achill, der aus Groll auf die Griechen nicht kämpfen wollte, richtet seinen Zorn jetzt auf Hektor und die Trojaner. Im Gegensatz zum ersten Teil, der rein intellektuell verarbeitet werden musste , wurde hier zwischen Personen gerungen. Am Anfang und am Ende wieder Ausschnitte aus Afghanistan-Interviews mit den üblichen Einblicken und Einsichten.

Dritter Teil, das Schlachten. Die zwölf Schauspieler kommen in Ganzkörperbodies in Hautfarbe und jeder mit einem Eimer voll viel roter Farbe, Schweinsblasen und Rote-Beete-Knollen auf die Bühne. Die Szene wird zu einer blutroten Schlachtorgie, man wälzt sich im Blut und reißt an den Blasen wie an aus dem Feindeskörper herausgerissenen Eingeweiden. Ja, das ist eine heftige, beeindruckende Metapher des Krieges. Aber warum folgt nun der ebenfalls heftige Applaus?

Das Problem der Aufführung von Volker Lösch ist nicht das manchmal enervierende Brüllen der Schauspieler. Das Problem ist die (von Peter Sloterdijk übernommene) Behauptung, dass der Krieg von Troja im Krieg von heute seine Fortsetzung finde: Damals war es ein Schlachten, heute ist es ein Schlachten. Am Ende ist der Tod blutig. Wobei schon das nicht sicher ist, heute ist der Krieg viel cleaner. Und auch sonst sind da vor allem Unterschiede. Der Frontverlauf ist in Afghanistan viel unklarer als vor Troja. Und sind die Kriegsherren von heute wirklich geile Götter, wie die Aufführung nahe legt?

Krieg ist immer grausam, sinnlos, menschenverachtend, ja. Neue Einsichten oder Erkenntnisse zum Krieg werden sonst nicht angestrebt. Wogegen ballt sich also die Faust? Einfach gegen den Krieg. Vielleicht ist es auch so einfach. Und vielleicht ist das der Grund für den frenetischen Applaus.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders: Man spielt hier Widerstand, aber das ist kein Widerstand. Man spielt Widerstand gegen das schlimme Töten von Menschen. Aber man sucht nicht nach Möglichkeiten, das Töten zu verhindern.

Diese Inszenierung interessiert sich nicht für die Kräfte, die heute im Krieg am Werk sind. Bei Homer hat es zwei Kräfte gegeben: den Willen der Götter und Achills Zorn. Zu behaupten, das sei heute immer noch so, deckt mehr zu als auf.

Autor:  Peter Michalzik
Datum:  16 | 10 | 2011
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