Über fünfzig Jahre schlummerte Erich Wolfgang Korngolds einzige Operette, "Die stumme Serenade", nach ihrer von der Kritik verrissenen Dortmunder Uraufführung 1954 in den Archiven, ehe sie 2007 zum fünfzigsten Todestag des jüdischen Komponisten in München erstmals wieder auf die Bühne kam. Nach dem Theater St. Gallen hat nun die Freiburger Young Opera Company Korngolds "Komödie in Musik" für sich entdeckt, eine CD-Produktion wird in Zusammenarbeit mit dem SWR entstehen und damit eine der letzten diskographischen Korngold-Lücken schließen.
Der Abend im Freiburger E-Werk kommt nicht richtig in Schwung. Er hat Längen und Stillstände - dreht sich zu häufig im Leerlauf. Das liegt in erster Linie am Stück. Korngolds von langen Dialogen gebremste Operette hat musikalisch zu wenig Substanz. Mit zwei, drei rührseligen Themen schlängelt sich der Komponist durch die reichlich konstruiert wirkende Handlung, auch die dürftige Orchesterbesetzung (zwei Klaviere, zwei Violinen, Cello, Flöte, Klarinette, Schlagzeug) führt den Instrumentationskünstler an Ausdrucksgrenzen.
Die im Neapel des frühen 19. Jahrhunderts angesiedelte Geschichte um den unglücklich verliebten Modedesigner Andrea Coclé, dem ein Attentat auf den diktatorisch auftretenden Ministerpräsidenten Benedetto Lugarini (verbissen: Frank Buchwald) angehängt wird, ist begrenzt komisch. Die Kritik an den politischen Umständen wirkt heute bieder.
Aber auch die Inszenierung des jungen Berliner Regisseurs Hendrik Müller ist seltsam humorarm - da kann auch das Dauerlachen einiger Premierenbesucher wenig retten. Erste Pflicht der Regie wäre es gewesen, den dreineinhalbstündigen Abend deutlich zu kürzen, die Dialoge zuzuspitzen und vielleicht die eine oder andere Arie zu streichen. Es fehlt das Tempo und die Überraschung.
Von Beginn an wird das Stück in Richtung Klamotte gedreht. Der Reporter Sam Borzalino (präsent, aber vokal überfordert: Sebastian Reich) kurvt auf Rollschuhen über die Bühne, der Polizeiminister Caretto (Werner Klockow) tanzt, die drei Mannequins (Lena Laferi, Jutta Lauer, Franziska Gündert) wirken so aufgekratzt wie Fans von Tokio Hotel. Und weil kein normaler Erzählton Einzug hält, funktionieren die atmosphärischen Wechsel zwischen Liebesschmachten und Diktatorengrummeln nicht.
Musikalisch entfaltet diese "Stumme Serenade" mehr Reiz. Nach deutlichen Koordinations- und Intonationsmängeln zu Beginn findet die Holst-Sinfonietta unter der Leitung von Klaus Simon zu einem streichergetränkten Ton, der die Solisten trägt und hin und wieder wie beim mit leichter Hand inszenierten Quintett (Choreographie: Juliane Hollerbach) im zweiten Akt auch mal das Geschehen mit swingenden Synkopen in Bewegung bringt. Birger Radder ist ein wunderbarer, leicht tuntiger Modezar mit geöltem Bariton und perfekten Manieren. Seine Bewegungen sind so geschmeidig wie seine Gesangslinien - eine Entdeckung! Sarah Wegener macht mit ihrem klangschönen Sopran aus der umschwärmten Silvia Lombardi eine begehrte Provinzdiva, Anna-Lucia Leone ist eine koloratursichere, tadellos in höchsten Höhen zwitschernde erste Probierdame Louise.
Im zweiten Akt gelingen auch der Regie stärkere Szenen, wenn er das finale Souper von Andrea Coclé und Silvia Lombardi auf den weißen Treppen (Ausstattung: Mira Voigt) mit Salatblatt im Mund zum loriotesken Rendezvous macht oder den im Rollstuhl sitzenden Ministerpräsidenten das schmalzige Liebesduett trocken kommentieren lässt ("Die drehen ja alle ab hier"). Warum aber der Regisseur das so ersehnte Happy End kassiert, bleibt ein Rätsel.
Young Opera Company Freiburg: 24.-26. April. www.ewerk-freiburg.de