Lichtwechsel. Die Spots spannen ein raffiniertes Netz aus Licht und Schatten in den Raum, während das Motiv der Projektion an der Zelt-Rückwand hinter der Bühne und der Musiker-Empore wechselt: Von einer überlebensgroßen südindischen Götterfamilie in leuchtenden Farben zu einem zarten Rankengeflecht.
Plötzlich stehen meterhohe Pfähle auf der Bühne, die zehn schlanke Gestalten im Nu entern. Ein Aufschrei, und sie hängen hoch oben in der Luft. Mit dem linken Bein umklammern sie ihre "Mallakambh Poles", die übrigen Gliedmaßen spreizen sie zu anmutigen Figuren ab, was die 13-köpfige Kapelle musikalisch nach Kräften untermalt.
Wer noch vor wenigen Wochen im Tonstudio in Mainz war, kann nur staunen: Die Musiker aus Groß-Britannien, USA und Indien sind zu einem Orchester zusammengewachsen mit den beiden britisch-indischen Sängern, Ash King und Radhika Vekaria, die inzwischen aus London eingetroffen sind. Das ist einer der Trümpfe der neuen Show von "Afrika, Afrika"-Macher Matthias Hoffmann: Selten hatte man bisher in Deutschland die Gelegenheit, indische Popmusik live zu hören. Das heißt Gitarre und Sitar, Tabla und Schlagzeug gewürzt mit Violine und Bansuri-Flöte zu Hindi-Songs und Peter Gabriels "Blood of Eden". Die schmale Freitreppe, die von der Musiker-Empore in die Manege hinunterführt, erlaubt den Instrumentalisten hin und wieder unter dem Baldachin hervorzutreten und für das Publikum sichtbar zu werden. So wird aus der Musik ein eigener Act in dieser Zirkus-Revue.
Sie begleitet die Bollywood-Tanztruppe von Star-Choreograph Shiamak Davar, deren Formationstänze den Rahmen für das Programm bieten ebenso wie die biegsamen Gotipua-Jungen. Die werden im ostindischen Orissa im klassischen Tanzstil "Odissi" ausgebildet. Im zarten Alter lernen sie akrobatische Übungen, "Bandhas" genannt, die die Truppe in den orangen und grünen Mädchenkostümen eindrucksvoll vorführt.
Die schlichteste Nummer ist die beste
Ein Highlight ist der Schattenspieler Prahbad Acharya. Seine Hände lassen bellende Hunde, krächzende Schwäne und betende Hindu-Priester an der Zeltdecke entstehen: Die schlichteste Nummer ist die beste. Dicht gefolgt von Seiltänzer Nyay Singh, der sieben Wasserkrüge auf dem Kopf balanciert, im obersten brennt ein Feuer. Auf einem Bein stehend bringt er das Seil in Schwingung - und den Atem der 2000 Zuschauer zum Stocken.
Die Artisten folgen meist archaischen Traditionen; sie arbeiten in Indien unter sehr einfachen Bedingungen. Das nimmt die Regie wirksam auf, indem sie auf jede Kulisse verzichtet und lieber auf eine fulminante Beleuchtung setzt, was der Show im wahrsten Sinne viel Luft lässt.
Woran es jedoch mangelt, ist eine Ansage auf der Bühne. Die Künstler bleiben namenlos. Kein Wort zum Hintergrund der hierzulande wenig bekannten Traditionen. Solche Informationen hätten die Show bereichert und wären eine respektvolle Geste gegenüber den Mitwirkenden gewesen.
India, bis 24. Januar in Frankfurt, 28. Januar bis 3. März in Hamburg, 9. März bis 25. April in Berlin.www.india-circus.com