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Integrationsdebatte: Tief im Herzen ist jeder ein Integrationsverweigerer

Unterwegs im Symboluniversum Berlin-Neukölln. Eine Standortbestimmung für Integrationsverwirrte am Büchertisch bei Karstadt am Hermannplatz, wo die Bücher ebenso schwarz gehalten sind wie ihre Geschichten.

Eine Frau beim Verlassen eines türkischen Kleidergeschäfts in Berlin-Kreuzberg, das an Neukölln angrenzt.  Foto: Reuters

Wer wissen will, wie es mit Deutschland weitergeht, muss zu Karstadt am Hermannplatz gehen. Genau an der Grenze der Berliner Bezirke Kreuzberg und Neukölln gelegen, macht sich die Buchabteilung des Warenhauses um die imaginäre Topographie Deutschlands verdient.

Unter den Büchertischen, die anhand von Informationstafeln die Bücherflut vorsortieren, hat nun auch der Berliner Bezirk Neukölln den Status einer symbolischen Insel erlangt. Unter der Informationstafel „betrifft: Neukölln“ liegen in trautem Miteinander „Das Ende der Geduld“ der verstorbenen Jugendrichterin Kirsten Heisig, Güner Yasemin Balcis „Arab Boy“ und „Arab Queen“, Ursula Roggs „Nord Neukölln Ein Frontbericht aus dem Klassenzimmer“, Fadi Saads „Der große Bruder von Neukölln: Ich war einer von ihnen – vom Gang-Mitglied zum Streetworker“, Aylin Korkmazs „Ich schrie um mein Leben: Ehrenmord mitten in Deutschland“, Ingrid Eißeles „Kalte Kinder: Sie kennen kein Mitgefühl. Sie entgleiten uns“, Alice Schwarzers „Die große Verschleierung: Für Integration, gegen Islamismus“ und schließlich „Der Untergang der islamischen Welt: Eine Prognose“ von Hamed Abdel-Samad.

Die Cover dieser Bücher sind ebenso schwarz gehalten wie die Berichte und Prognosen, die sie erstellen, düster sind. Einzig „Typisch Türkin? Porträt einer neuen Generation“ von Hilal Sezgin, die von gelungenen Integrationsprozessen schreibt, bildet einen quietschrosa Lichtblick. Wem trotzdem ganz blümerant wird, der kann noch zu den launigen Trinkergeschichten „Neulich in Neukölln: Notizen von der Talsohle des Lebens“ von Uli Hannemann greifen.

Neues Leidbild: Neukölln ist überall

Nicht nur das Herbstwetter erinnert einen daran, dass der Sommer und luftige Gefühle Tempi passati sind. Auch die neue Migrationsdebatte, die nur noch „integrationsunwillige Migranten“ kennt, hat die hochgestimmten Erwartungen verstummen lassen, die noch im WM-Sommer an „Özil und Co“ (Stern) geknüpft waren. In Vor-Sarrazin-Zeiten – und die scheinen mittlerweile Lichtjahre entfernt – schien die multikulturelle Nationalmannschaft als Leitbild für ein entsprechend buntes Deutschland, das in den Kindern der Migranten eine Bereicherung und nicht eine Bedrohung sah. Nun hat die Republik in erstaunlicher Rasanz ein neues Leitbild – oder soll man sagen: Leidbild – gefunden: Neukölln ist überall. Jedenfalls wenn es um die durch Sarrazin ausgelöste „Migrationsdebatte“ geht. Neukölln droht geradezu an die Stelle Deutschlands zu treten, das sich selbst abschafft, um diesem seltsamen Universum Platz zu machen, das sich in Form notorischer Migrationshintergründler so bedrohlich ausweitet.

Unsere Autorinnen

Jagoda Marinic ist deutsch-kroatische Schriftstellerin und lebt in Heidelberg. Sie hat die Erzählungsbände „Eigentlich ein Heiratsantrag“ und „Russische Bücher“ veröffentlicht, beide im Suhrkamp Verlag. Zuletzt erschien der Roman „Die Namenlose“ im Verlag Nagel & Kimche.

Elke Brüns hat die beiden Studien „Nach dem Mauerfall: Eine Literaturgeschichte der Entgrenzung“ und „Ökonomien der Armut. Soziale Verhältnisse in der Literatur“ veröffentlicht. Sie schreibt das Blog „Gespenst-der-Armut.org“.

Entsprechend hat es auch Heinz Buschkowsky, der Bürgermeister Neuköllns, zu überregionaler Bekanntheit gebracht – er nimmt momentan die Rolle des nationalen Migrationsbeauftragten ein. Dem leutselig berlinernden Bürgermeister schreiben die Leute offenbar etwas für Politiker Atypisches zu: street credibility. Der muss ja raus in die feindlichen Straßen Neuköllns, der weiß, was da auf Deutschland zukommt. Und so wie Thilo Sarrazin angeblich nur das ausspricht, was alle anderen nur hinter vorgehaltener Hand munkeln, wird eben auch Buschkowsky deutlich. Auf dem Parteitag der SPD verteidigte er Parteichef Sigmar Gabriel, der ablehnte, dass „Integrationsverweigerer“ auf Dauer hierbleiben könnten: „Ja wattn sonst?“ Es ist diese Ja-wat-denn-sonst-Haltung, die so gut ankommt.

Nun fragt man sich auch als Nicht-Migrationshintergründlerin, wohinein man sich eigentlich integrieren solle. Zwischen zwei, drei U-Bahn-Stationen liegen auch in Neukölln Welten. Noch vor einem Jahr schrieb Andrea Seibel in der Welt über Neukölln: „Gentrifizierer erleiden hier regelmäßig Nervenzusammenbrüche. Vielleicht in hundert Jahren einmal kann man sich Neukölln anders denken.“ Das kann man aus Nord-Neuköllner Sicht nicht bestätigen. Einige wenige Jahre haben gereicht, um hier die neue „Lower East Side“ (so das Stadtmagazin Tip) Gestalt werden zu lassen. Hipper geht’s kaum noch, allerorts lustige Männerhütchen und Café-Latte-Lounges und unglaublich kreative Galerien und Shops.

Der neue Flohmarkt am Kanal heißt Nowkölln Flowmarkt, man möchte weinen bei so viel sprachspielerischer Kreativität – integrieren jedenfalls möchte man sich nicht in diese putzige Monokultur. Besucher des Webportals des Bezirks Neukölln werden mit der erstaunlichen Behauptung empfangen: „Im Herzen ist jeder Neuköllner!“ Nun müsste man eigentlich nur noch kurz wissen, was Neukölln ist, um sich endlich selbst zu begreifen. Karstadts Büchertisch „Betrifft Neukölln“ zeigt, dass man neuerdings im symbolisch geschlossenen Universum einer Migrationsdebatte lebt, die nur noch Integrationsverweigerer kennt. Andererseits die frohe Botschaft des Bezirks, dass Neukölln ein quasi kosmopolitischer Ort ist, der keine Herkunft, Nationen, Ethnien kennt.

Buschkowsky oder Krömer?

Wie lassen sich diese konträren Pole verbinden? Muss die gedankliche Synthese nicht lauten: Eigentlich ist jeder im Herzen ein Integrationsverweigerer? Lassen sich also die Bezirkshomepage und der Büchertisch zur richtungsweisenden Idee verbinden, dass sich herkunftsunabhängig die eigene Station in Deutschland nicht auf statistische Sozialdaten und kollektive Bilderwelten reduzieren lässt? Ist also das Neukölln der Herzen viel anarchischer als der symbolische Augenschein vermuten lässt? Anders gesagt: Wählt der Neuköllner Kurt Krömer oder Heinz Buschkowsky zum Bürgermeister der Herzen?

Kandidat Kurt Krömer machte als Anarcho-Entertainer Neukölln als armen, unterschicht-haften, prolligen, aber gewitzten und witzigen Bezirk prominent. Er verkörperte das trotz aller Probleme liebenswerte Neukölln, in dem man von Stütze und Dosenbier lustig lebt und leben lässt. Kandidat Heinz Buschkowsy verkörpert das migrantendominierte Neukölln, aus dem jeder flüchtet. Als Krömer Buschkowsy in seine „Internationale Show“ einlud, ließ er den Bürgermeister bis zum Ende im zugeschalteten Warteraum sitzen. Vielleicht sollte man diese Nichtkommunikation zweier berühmter Neuköllner nicht für Zufall oder Sendechaos halten, sondern als Symptom interpretieren. Hier konnte man eine ganze Sendung lang Parallelwelten sehen.

In Vor-Sarrazin-Zeiten hatte Krömer noch die Lacher auf seiner Seite. Doch mittlerweile hat sich das Wetter geändert und der Wind gedreht. Neukölln wird aktuell nicht mehr durch Kurt Krömer, sondern durch Heinz Buschkowsky repräsentiert. In der imaginären Topographie Deutschlands ist Neukölln zum Ort der Integrationsverweigerer geworden, die man loswerden muss. Denn sonst schafft sich bekanntlich Deutschland selbst ab. Auch dies hat der Neukölln-Tisch bei Karstadt beispielhaft vorexerziert: Lag hier anfänglich auch Thilo Sarrazins düstere Untergangsparabel, hat er es nun zu einer eigenen Buchinsel gebracht. Damit hat er Platz geschaffen für Fußabtreter mit der Aufschrift „Neukölln“. Zwar sind das keine Bücher, symbolisch gesehen ist es aber irgendwie konsequent.

Autor:  Elke Brüns
Datum:  13 | 10 | 2010
Kommentare:  10
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