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Times Mager
Glossen aus unserem Feuilleton

19. Mai 2011

Lars-Von-Trier-Skandal: Unerwünscht

 Von Daniel Kothenschulte
Daniel Kothenschulte ist Filmkritiker für die Frankfurter Rundschau.  Foto: FR

Lars von Trier, der in Cannes im Jahr 2000 die Goldene Palme gewonnen hatte, hat wegen seiner Bemerkungen über Hitler und die Juden Hausverbot. Dabei war der Däne noch am Abend nach der provozierenden Rede stürmisch gefeiert worden

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Zum ersten Mal in der Festivalgeschichte hat Cannes einen Regisseur zur unerwünschten Person erklärt: Lars von Trier, der hier im Jahr 2000 die Goldene Palme gewonnen hatte, hat wegen seiner Bemerkungen über Hitler und die Juden Hausverbot. Dabei war der Däne noch am Abend nach der provozierenden Rede stürmisch gefeiert worden – die Chancen für einen erneuten Gewinn standen nicht schlecht. Ohne die in seinem Werk sonst üblichen rhetorischen Brüche setzt er sich im Drama „Melancholia“ mit der eigenen Depression auseinander, wenn er zwei ungleiche Schwestern dem nahenden Weltende entgegenblicken lässt. Selbst die unterlegten Wagner-Klänge rücken das feine Darstellerspiel nicht ins Pathetische.

Allen Genuss daran jedoch wollte Lars von Trier seinen Fürsprechern vergiften, als er sich mit dem NS-Architekten Albert Speer verglich. Mit einer koketten Sympathiebekundung mit „Hitler in seinem Bunker“ und der Bemerkung, er habe früher gerne gedacht, er sei jüdischer Abstammung, heute jedoch nicht mehr („Israel is a pain in the ass“), wollte er die ernsthafte Auseinandersetzung mit seinem Werk vereiteln. Und wie in seiner Filmarbeit erweist er sich als Manipulator: Ob sie wollten oder nicht, mussten Filmkritiker auf die Provokation eingehen. Dass er sie im Scherz gemeint hat, nimmt ihnen nicht den Ernst: Festivalpräsident Gilles Jacob muss die Ideale des weltoffenen Filmfestes schützen.

Als Regisseur sieht sich von Trier gern in der Rolle eines Marionettenspielers. Immer wieder locken seine Arbeiten das Publikum in geschickt platzierte Fallen, um ihm die eigene Manipulierbarkeit vor Augen zu halten. Da „Melancholia“ eine zynische Note fehlt, reicht er sie nach. Wenigstens nachträglich soll man sich für seine Anteilnahme schämen. So empörend von Triers geschmacklose Äußerungen also sind – man kann sie nicht von seinem künstlerischen Ansatz trennen, in dem es keine Schönheit ohne Leiden gibt, keinen Illusionismus ohne Verfremdungseffekt. Seine besten Filme kamen so zu ihrer Wirkung – etwa „Dogville“, das Drama, das in die Annalen von Cannes eingegangen ist. Auch als unerwünschte Person kann man Lars von Trier daraus nicht mehr wegradieren.

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