Hartes Ringen gehört zum Geschäft einer Jury, während es zum Geschäft des Publikums gehört, hier zu lächeln und dort den Kopf zu schütteln. Seltsam sieht es aus, dass Martin Mosebachs formvollendeter Roman „Was davor geschah“ auf der 20-Titel-Liste für den Deutschen Buchpreis 2010 steht, aber nicht in der Endauswahl (da kann man sogar beides zugleich, den Kopf schütteln und lächeln). Oder dass die Jury sich zuerst und zu Recht darum bemüht, Hans Joachim Schädlichs klugen Frühjahrstitel „Kokoschkins Reise“ doch noch in die erste Reihe zu bugsieren, ihn dann aber nicht unter die letzten Sechs lässt. Und es bleibt unklar, weshalb Doron Rabinovicis satirisch angehauchtes Familienmelodram „Andernorts“ den Vorzug vor Andreas Maiers neuem Roman erhielt (beide Suhrkamp, ja, wenn Rabinovici ganz auf die Satire gesetzt hätte, das wäre grandios gewesen).
Die Liste ist ansonsten aber fein und von vorgestern die Klage, deutschsprachige Autoren hätten nichts mehr zu erzählen. Interessant: Vier von sechs Titeln spielen teilweise im alten Ostblock, fünf von sechs sind autobiografisch grundiert. Jan Faktors „Georgs Sorgen um die Vergangenheit“ (Kiepenheuer) war schon für den Leipziger Buchpreis nominiert, eine extrem gewitzte Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft, ebenso wie „Tauben fliegen auf“ von der 1968 in der Vojvodina geborenen Melinda Nadj Abonji (Jung und Jung), das einzige Überraschungsbonbon der Short List.
Bachmannpreisträger Peter Wawerzinek ist mit „Rabenliebe“ (Galiani) dabei. Ebenfalls bereits in Klagenfurt geehrt wurde Judith Zander für „Dinge, die wir heute sagten“. Dem dort gelesenen Ausschnitt war die Erzählvirtuosin noch nicht anzumerken, jetzt kann man nur staunen.
Und sich trotzdem insgeheim wünschen, dass am 4. Oktober Thomas Lehr für „September. Fata Morgana“ (Hanser) den Deutschen Buchpreis erhält. Wer hätte gedacht, dass aus Deutschland ein Buch über den 11. September und den Irak-Krieg kommt, das überall in der Welt Leser finden sollte, auch in New York und Bagdad. Am Ende muss keiner selbst etwas erleben, um darüber zu schreiben. Das ist das größte Wunder.