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Times Mager: Albatros-Inn

Tristan da Cunha, tief im Atlantik in der Nähe von St. Helena, wird von circa 270 Menschen bewohnt. Besonders Schriftsteller und Schiffbrüchige interessieren sich für die Insel. Von Judith von Sternburg

Judith von Sternburg ist Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Judith von Sternburg ist Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Im Jahre 1821", heißt es in Jules Vernes Roman "Die Kinder des Kapitäns Grant", "war die Insel also von 6 Männern und 2 Weibern bewohnt. Im Jahre 1827 wohnten 7 Männer, 6 Weiber und 14 Kinder auf ihr, und 1835 betrug die Zahl 40, jetzt hat sie sich verdreifacht. - "Auf solche Weise entstehen die Nationen, sagte Glenarvan."

Heute wird Tristan da Cunha, tief im Atlantik in der Nähe von St. Helena zu finden und zum britischen Überseegebiet gehörend, von circa 270 Menschen bewohnt. Schriftsteller und Schiffbrüchige interessieren sich für sie. Nun aber meldet sich auch der einzige Polizist des Eilands zu Wort, Conrad Glass. Die Zeitung Guardian sprach mit ihm, als er an einer Weiterbildung in London teilnahm. Auf einer Insel ohne Flughafen, mit einem Pub (dem Albatros-Inn) und sechs Nachnamen, berichtet Glass, passiere kaum ein Verbrechen. Er drehe bloß jeden Tag eine Runde und sehe nach der Schule, dem Krankenhaus, der Krebs-Fabrik. In den 70er Jahren habe es einmal eine Messerstecherei auf einem Fischkutter gegeben.

Glass, ein bescheidener Mann, der kein Hehl daraus macht, dass man ihn nicht wirklich braucht, erzählt ferner vom Problem, professionellen Abstand zur Bevölkerung zu halten. Nicht mehr als ein-, zweimal im Jahr gehe er in den Albatros-Inn. Er sei ohnehin kein großer Trinker, lieber lese er ein Buch. Offensichtlich müsste man über Conrad Glass also sofort einen Spielfilm drehen, in dem unter anderem etwas Fürchterliches passieren, Glass aber sein privates Glück finden würde.

Denn der herkömmliche Städter dürfte Schwierigkeiten damit haben, die friedfertige Einschätzung des Ordnungshüters zu teilen. Womöglich fällt einem sogar ein, dass man nie im Leben ohne Polizeischutz auf einer so abgelegenen Insel sein möchte. Zu Unrecht, wie man hier gelesen hat.

Was aber die Einschätzung von Vernes Fortschrittsoptimisten Glenarvan betrifft: Unter dem Aspekt der Nationenbildung kann der Fall Tristan da Cunha nur als völlig gescheitert betrachtet werden. Welch ein Vorteil jedoch für das gesellschaftliche Miteinander! Auch Glenarvans Reisegruppe verlässt die Insel bald unverrichteter Dinge und auf Nimmerwiedersehen, aber unbehelligt.

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  15 | 1 | 2010
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