Sie haben es heute morgen auch gemerkt, nicht wahr? Diese leichte Schräglage der Welt und das dazu passende Schwindelgefühl. Und Sie haben, wie wohl die meisten von uns, spontan der Erklärung zugeneigt, das habe etwas zu tun mit dem, was Sie gestern Abend getrunken haben. Das ist ein typisches Erklärungsmuster in selbstreflexiven Subkulturen, aber in Wirklichkeit waren es die ungefähr acht Zentimeter Erdachsverschiebung, die Sie gespürt haben. Denn die Erdachse ist auch die Achse unser aller Bewegtheit, das sollten wir nicht vergessen, wenn wir in den nächsten Tagen und Wochen zunehmend den Eindruck haben, alles gerate aus dem Lot.
Nicht nur, dass die neue Schräglage dazu führen wird, dass in China noch drei, womöglich bis zu vier Säcke Reis mehr umfallen, auf das ganze kommende Jahr gerechnet. Nein, es ist auch das geschehen, was Shakespeare seinen zögernden Helden Hamlet so treffend (in der Schlegelschen Übersetzung) benennen lässt: Die Zeit ist aus den Fugen! Und, oh Schande, Schmach und Scham, weit und breit niemand in Sicht, der sie wieder einrichten könnte. Denn durch das Beben in Chile hat sich die Erdrotation beschleunigt und somit unser Tag verkürzt (aber machen Sie sich keine falschen Hoffnungen: Wenn Sie sich gerade sehr müde fühlen, muss das nicht nur damit zusammenhängen), unser Tageslauf, der die Grundlage unserer Zeitmesseinheiten ist. Es sind die Sekunden, die Stunden, die Minuten selbst, die verkürzt wurden. Nur die Atomuhr geht noch nach dem alten Rhythmus, aber wer hat so etwas schon am Handgelenk.
Es gibt nur eine Möglichkeit, die Zeit wieder einzurichten: Man müsste nicht mehr den Tag, also die Drehung des Planeten um seine eigene Achse, und das Jahr, also die Bahn der Erde um die Sonne, als Messlatte der Zeiteinteilung nehmen, sondern die Bahn selbst. Nämlich zum Beispiel den Zeitraum zwischen zwei Beförderungstariferhöhungen der Deutschen Bahn. Dies ist die Disziplin, in der die Deutsche Bahn eine absolut verlässliche Pünktlichkeit an den Tag legt. Man müsste nicht mehr darauf warten, dass ein ferner und ungenauer Begleiter wie der Mond uns schon wieder irgendwie herunterbremsen wird.