Zu den auffälligen Symptomen der jüngsten Zeit gehörte die gewiss ruhelose Beschäftigung des Literaturbetriebs mit einem fabelhaften Wesen. Wenn man jetzt aber behauptet, dass das mit der Unruhe noch niemals so war, dann ist das falsch, das war schon mal so, 1956, in einer Erzählung Julio Cortázars: "Es gab eine Zeit, in der ich viel an die Axolotl dachte."
Cortázars "Axolotl", heute Bestandteil seiner Erzählungen in vier Bänden, und die Kompilation beginnt ausgerechnet mit dem Genre "Plagiate", lässt den Leser teilnehmen an einer Metamorphose, deren schier kafkaesker Verlauf auf wenigen Seiten beschrieben wird, wobei nach vier Zeilen bereits klar ist: "Jetzt bin ich ein Axolotl."
Was da vor einem Aquarium im Pariser Jardin des Plantes in einem namenlosen Ich vor sich geht, ausgelöst durch das Betrachten eines rosafarbenen Wesens mit Goldaugen, nährt im Leser die Gewissheit, dass ein zu intensives Hinschauen unabsehbare Folgen haben kann. Es sind fatale, lässt doch die Beschäftigung jede Distanz schwinden, zwischen dem erzählenden Ich und dem Erzählten, zwischen Subjekt und Objekt. Dass das eine im anderen aufgeht, darüber liest man mit gleichermaßen so großen Augen wie mit eingeschnürtem Hals. Es fällt das Wort Kannibalismus.
Zur "mysteriösen Menschlichkeit" des Axolotls gehört, dass er als ein "Sklave seines Leibes" gefangen ist, doch bevor wir Cortázars Empathie etwa für Kafka oder E.T.A. Hoffmann weiter verfolgen, sehen wir zu, wie Cortázars Ich-Erzähler, während er sein Gesicht gegen das Aquarium-Glas presst, immer mehr zum Axolotl wird. Im Medium eines Glasgeheges löst sich ein Ich auf.
Unter dem Eindruck der letzten Wochen erlebt der Cortázar-Leser, wie ein Mensch praktisch zum Plagiat einer Kreatur wird, zum Konstrukt einer Konstruktion, was natürlich unmittelbar mit Phantasie zu tun hat, und da sich der Leser an nichts so sehr sklavisch halten sollte wie an seine blühende Phantasie, hat ja Cortázars Aquarium, mit einem Male, unendlich viel Ähnlichkeit mit einem literarischen Glashausbetrieb, in dem vielerlei verschwimmt wie in einem Spiegelkabinett, undurchdringlich, unfassbar, überhaupt unabsehbar.