Babylon, so meinte Aristoteles, war wohl mehr ein Volk als eine Stadt, nicht so sehr eine kompakte Polis als ein ständiges Kommen und Gehen, eine Zusammenballung an Mobilität, und auch wenn der Grieche ein Sozialphilosoph der ersten Stunde war, praktisch ein Urgestein der Kritischen Theorie, so ignorierte er doch bis zuletzt Frankfurt a. M..
Nein, keine Zeile zu der Stadt, nicht einmal eine Fußnote zu ihrer kritischen Masse an Mobilität, wie sie gestern wieder sich zeigte, als sich eine gewaltige Völkeransammlung durch die Stadt wälzte. Menschenmassen aus aller Herren Länder.
Anders als in Babylon, das schon im Altertum so groß war, dass die Nachricht von seiner Eroberung mehrere Tage brauchte, bis alle Bewohner davon erfuhren, war die Kapitulation vor der gestrigen Okkupation Frankfurts eine von Minuten.
Frankfurt, das moderne Abbild Babylons, Ort der Türme, Inbegriff des Molochs und der Hybris, denn das alles verbinden wir schließlich mit dem Urbild - Frankfurt also, das babylonische Abbild, lag lahm. Marathonlauf: Tausende auf den Straßen, Zehntausende an den Straßenrändern.
Dass das Leben in der Bewegung besteht, ist eine weitere Erkenntnis des Aristoteles. Doch wenn all die Läufer gestern aristotelische Muße mitgebracht hätten und nicht diese Atemlosigkeit, die stundenlang über der City lag wie dicke Luft (Smog!), dann hätten sie sich davon überzeugen können, dass Aristoteles zweifellos recht hat, wenn er sagt, das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile. Dass eben auch Frankfurt, so gut wie bereits Babylon, dann doch mehr ist als bloß ein Hauptsitz der Dekadenz oder der Tyrannis der Finanzwelt, mehr als bloß Sündenpfuhl, Schmelztiegel. Frankfurt ist in der Tat ambivalenter, als es sich aus der Marathonperspektive (Tunnelblick, dicke Luft!) darstellt.
Aber wofür gilt das nicht, Ambivalenz? Zur kritischen Mobilität des Marathonlaufs gehörte, dass dieser jedes normale Kommen und Gehen unterband, praktisch das urbane Leben lahmlegte. Um daran nicht zu verzweifeln, gab es nur eines, nämlich den Glauben an die aristotelische Erkenntnis, dass Denken und Sein vom Widerspruch geprägt sind. Es ist praktisch das Bekenntnis zu Babylon.