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Times Mager: Bei Seurat

Das Zeitloch am Samstagmittag mit einem Ausstellungsbesuch zu stopfen, ist nicht besonders originell. Die vielen anderen Besucher, die die gleiche Idee hatten, versperren die Sicht. Von Natalie Soondrum

Natalie Soondrum ist Online-Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Natalie Soondrum ist Online-Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Das Zeitloch am Samstagmittag mit einem Ausstellungsbesuch zu stopfen, ist nicht besonders originell. Die vielen anderen Besucher der Frankfurter Schirn, die die gleiche Idee hatten, versperren die Sicht auf die kleinformatigen Croquetons. Das sind die Holztäfelchen, auf denen Georges Seurat im Freien Studien für große Werke anfertigte. So kommt man nicht umhin, auf die anderen Besucher aufmerksam zu werden. Auf den Ehemann, der, bedacht darauf, mit seiner Frau Schritt zu halten, ständig den Umstehenden auf die Füße tritt, oder auf die beiden Freundinnen, die es geschafft haben, sich direkt vor die Zeichnung "Lampe" zu drängen und jetzt nichts erkennen können, weil sie zu dicht davor stehen.

Sie ist 13, vielleicht 14 Jahre alt: Lange blonde Haare, die sich ungekämmt um die schmalen Schultern ringeln, ein kariertes Schlabberhemd über verwaschenen Jeans. Ihre Stupsnase klebt so nahe an dem Gärtner in der Pariser Vorstadt, dass die Aufseherin sie anblafft. Doch sie ist schon mit etwas anderem beschäftigt. Begeistert schreibt sie in ein winziges Heft, während ihre Mutter sie auf ein Detail aufmerksam macht. "Ja", sagt sie grinsend, "ich male furchtbar gern."

Manchen gehen Kinder auf die Nerven, aber die Verve, mit der dieses Mädchen die Bilder in sich aufsaugen will, ist unwiderstehlich. Mit 14 Jahren begann auch Seurat zu zeichnen. Seine Freude am Experiment mit Farben, die an der Fotografie orientierten Bildausschnitte seiner Zeichnungen, seine frechen Figurenstudien, die fast schon Karikaturen sind - so eroberte sich ein ganz junger Mensch die Welt. Denn mit 31 war für ihn schon alles vorbei.

Aber womit könnte man die Aufmerksamkeit dieser kleinen Person von heute noch füttern? Auf der Suche nach Antworten wandelt es sich leichtfüßig durch die Menge. Vor dem Zirkus-Bild taucht sie wieder auf. "Es war Seurats allerletztes Bild", sagt sie feierlich. Und die Farben sind besonders: "So fröhlich." Seurat hat nur die Grundfarben verwendet: rot, blau und gelb - "Und weiß." Ja, aber das ist gar keine Farbe. Sie zieht die Luft scharf ein: "Mensch, stimmt!" Jetzt steht sie wieder über ihr Heft gebeugt und schreibt und schreibt.

Datum:  23 | 2 | 2010
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