Schwer zu sagen, was unter der zuletzt in wilder Rhetorik angemahnten Generaldebatte genau zu verstehen ist. Wenn damit ein an alle gerichtetes "Wir müssen reden!" gemeint ist, dann ist es wohl angeraten, die soziologischen Grundrechenarten noch einmal durchzugehen. Man müsste nach der nivellierten Mittelstandsgesellschaft fragen und was aus ihr geworden ist in einer Zeit, in der der Staat und sein Bemühen um Wohlfahrt in die Zentrifugalkräfte einer globalisierten Ökonomie geraten sind.
Zu sprechen wäre über Leistungsbereitschaft und Arbeitsethos, die jene verloren zu haben verdächtigt werden, die mal verschlagen, mal dreist oder einfach nur so in die Sozialsysteme einwandern. "Bin ich dumm, wenn ich noch arbeite?" fragte Bild gestern stellvertretend für alle Anwärter der Generaldebatte und unterstellte dabei einen Lustgewinn, der schon dadurch zu erzielen sei, wenn man sich der Arbeit zu entziehen weiß. Es wäre aber wohl auch zu bemerken, dass die leistungsethisch motivierte Belohnung von Arbeit sich nicht aufrecht erhalten lässt, wenn die Zuteilung von Arbeit selbst schon einer Belohnung gleichkommt. (Ulrich Oevermann).
Man müsste ferner darüber sprechen, dass großen Teilen der Arbeitsplatzinhaber die Zufriedenheit ihres Tuns abhanden gekommen ist, weil die Einheit von Leben und Arbeit auf den Märkten der Erwerbsarbeit nachhaltig, sei es aus Wettbewerbsdruck, sei es durch marktgetriebene Experimentierfreude, zerstört worden ist.
Die paternalistische Vorstellung eines traditionellen rheinischen Kapitalismus, dass der Unternehmer nicht nur den Profit, sondern auch ein hinreichendes Auskommen seiner Belegschaft besorgt, ist zerstört, ohne dass etwas Vergleichbares an deren Stelle getreten wäre. Den Verwahrlosungen der Freizeit, in die sich die des Müßiggangs Verdächtigten in großer Zahl zu flüchten scheinen, entspricht eine Tendenz zur Verwahrlosung der Betrieblichkeit, über die angesichts der Kämpfe um den Erhalt von Arbeitsplätzen sehr viel seltener gesprochen wird.
Wir müssen reden, aber es spricht einiges dafür, dass das meiste in der Generaldebatte wieder ungesagt bleiben wird.