Günter Grass hat sich seit Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn immer wieder mit Kollegen getroffen, um sich gegenseitig aus eigenen Manuskripten vorzulesen. Nicht alle dieser Zusammenkünfte wurden so legendär wie die Gruppe 47.
Wenn Grass heute junge Autoren in Lübeck versammelt, dringt davon nur gelegentlich etwas an die Öffentlichkeit. Was gelesen und was gesprochen wird, ist für dritte nicht bestimmt. Das war auch so in den Zusammenkünften in Berlin Ost, die nun unter dem Namen Gruppe 74 bekannt zu werden beginnen. Aus diesen gelangte manches in der Akten der Stasi, die Kai Schlüter in Bezug auf Günter Grass sorgsam zusammengeführt und so eine Art verdeckter Literaturgeschichte hervorgebracht hat.
Zur Gruppe 74 gehörten Schriftsteller wie Sarah Kirsch, Klaus Schlesinger, Hans Joachim Schädlich und andere, mit den Grass sich regelmäßig in Berlin, Haupstadt der DDR traf. Ein Informant der Staatssicherheit hat sein Unbehagen einmal ausdrücklich notiert. Der Grund der Treffen könne doch nicht darin bestehen, sich gegenseitig etwas vorzulesen. An anderer Stelle wurden konspirative Inhalte denn auch kurzerhand einmal hinzugedichtet.
Überrascht sei er nicht gewesen, sagt Günter Grass während der Vorstellung des Buches im Berliner Ensemble. Sehr lange habe er sich geweigert, seine Stasi-Akte überhaupt zu Kenntnis zu nehmen. Er habe es stets als späten Triumph der Stasi betrachtet, dass die Aktenberge voller Belanglosigkeiten und fehlerhafter Notizen nun als die Wahrheit anerkannt würden.
Immerhin weiß er den nun von Kai Schlüter gehobenen Datenberg als eine andere deutsch-deutsche Literaturgeschichte zu schätzen. In diese ist Grass wohl vor allem hineingeraten, weil die IM-Brigaden sich in ihrer Fantasielosigkeit nicht vorstellen mochten, dass einer sich über beide Gesellschaftssysteme gleichermaßen kritisch äußerte. Seine intellektuelle Renitenz war hier wie da verdächtig. Grass will nun auch Akteneinsicht beim Bundesnachrichtendienst. Nicht um alles noch genauer in Erfahrung zu bringen. Eher aus Gründen des literarischen Stilvergleichs. Grass´ Deckname war Bolzen. Der gefalle ihm sehr.