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Times Mager: Der Kuss

Der chinesische Autor Ma Jian hat wenig Vertrauen in den Westen, dem man die Werte abkaufen könne. Die Dissidentin Dai Qing ist trotzdem optimistisch geblieben - und setzt auf den Austausch der Seelen. Von Natalie Soondrum

Natalie Soondrum ist Online-Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Natalie Soondrum ist Online-Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Rückblickend wiegen seine Worte fast noch schwerer: "China hat neuerdings Geld. Und wenn China denkt, es ist nötig, dann kauft es eben mit diesem Eure Wertvorstellungen. Eure Staatschefs sind doch letztlich eher Geschäftsleute. " Das sagte Ma Jian, chinesischer Schriftsteller im britischen Exil, in der ARD-Kultursendung "Titel Thesen Temperamente" (siehe FR-Fernsehkritik auf FR-online.de). Ma Jian hat wenig Vertrauen in den Westen, wenn es um den Kampf um Meinungsfreiheit im Reich der Mitte geht.

Der Skandal um die "persönlichen Gäste" des Direktors der Frankfurter Buchmesse, die Dissidenten Dai Qing und Bei Ling, bestätigt Ma Jians Pessimismus: Die Messeleitung versucht sich aus der Affäre zu ziehen, indem sie ein Bauernopfer schlachtet, und das Auswärtige Amt, das eine genauso unrühmliche Rolle spielt, hüllt sich in Schweigen. Wie das gute Geschäftsleute machen, wenn sie woanders längst einen fetteren Braten gerochen haben.

Dai Qing , im Zentrum des offiziellen Aufruhrs, sieht die Dinge optimistischer. Sie habe bei ihrem Besuch in Frankfurt allen Sprachbarrieren zum Trotz Menschen getroffen, bei denen sie das Gefühl hatte, ihre Seelen seien sich begegnet. Dieser Austausch sei ihr wertvoll.

Bei einem Essen in einem gutbürgerlichen Restaurant auf dem Römerberg - schließlich will man auch die Frankfurter Küche kennenlernen - lacht Dai viel mit den chinesischen Freunden. Die deutsche Journalistin versucht sich darin, Wortmuster in der fremden Sprache auszumachen, versteht aber nur immer wieder "Herta Müller". Auf die Frage, ob sie auf der Messe die Literaturnobelpreisträgerin getroffen habe, antwortet Dai Qing: "Ich wollte eine Lesung mit Herta Müller besuchen. Der Stand war so klein, und es waren schon so viele Leute da, dass ich sie nicht mal sehen konnte." Doch im Anschluss entdeckte Herta Müller die Chinesin im Publikum, sprang auf, kam auf Dai zu und küsste sie: "Da und da", Dai zeigt auf ihre Wangen und strahlt. Wie warm und herzlich. Und wie einfach. Aufstehen und aufeinander zugehen. Man muss nicht unter einer Diktatur gelitten haben, um die innere Freiheit zu begreifen, die in dieser Geste liegt.

Autor:  Natalie Soondrum
Datum:  20 | 10 | 2009
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